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Das wahre Haus auf der Grenze
Gedanken zur Grenzziehung und  Wiedervereinigung in Philippsthal
Historisches zum Haus auf der Grenze / ehemals „Druckerei Hoßfeld“

aufgeschrieben von Hildegard Abraham, geb. Hoßfeld

„Das Haus auf der Grenze
steht nicht auf dem Areal von Point Alpha, nein, es steht
in Philippsthal, Ortsteil Weidenhain. Zur Geschichte dieses Hauses ist zu sagen, dass
es 1890 unmittelbar an der damaligen Landesgrenze Königreich Preußen (Hessen) und
dem Großherzogtum Sachsen-Weimar (Thüringen), von meinem Urgroßvater
Adam Hoßfeld, errichtet wurde. Die Hoßfeldsche Hofbuchdruckerei versorgte von 1893
bis 1941 den benachbarten Thüringer Raum mit der „Rhönzeitung“.
Aus steuerlichen Gründen wurde das Wohn- und Geschäftshaus 1928 um einen Anbau
über die Landesgrenze nach Thüringen erweitert und gehörte von diesem Zeitpunkt
politisch zur Stadt Vacha.
Bei der Aufteilung Deutschlands richtete man sich nach bestehenden Landesgrenzen.
Das führte zunehmend zu Problemen.
Um dem Zugriff der Sowjet-Organe zuvorzukommen, entschlossen sich meine
Großeltern und Eltern, den östlichen Gebäudeteil vom westlichen zu trennen und
mauerten den Durchgang in der Sivesternacht 1951/1952 zu. Die gewünschte politische
Zugehörigkeit war nun wieder Philippsthal in Hessen und unterstand den amerikanischen
Truppen. Der östliche Gebäudeteil wurde daraufhin enteignet und durfte, obwohl er
unmittelbar zum Haupthaus gehörte, nicht benutzt werden.
Erst nach Abschluss des Grundlagenvertrages, dem eine Neuvermessung der
Grenze zu Grunde lag, wurde der besagte östliche Teil des Hauses am 1. Januar 1976
wieder an meine Familie zurückgegeben. Die Grenze wurde in gedachter Linie um das Haus
herum gelegt. Dieser Status blieb bis zu Öffnung der Grenze am 11.11.1989 bestehen.
Meine Familie erhielt für die vielen Jahre der Enteignung keinerlei finanzielle Entschädigung.
Ich wurde 1953 im „Haus auf der Grenze“ geboren und lebte 50 Jahre dort. Als kleines Kind
verstand man die Zusammenhänge noch nicht, nahm also die Lage des Hauses als
gegeben hin. Doch mit zunehmendem Alter stellten sich natürlich auch die Fragen ein.
Wieso ist da eine Grenze? - Wieso dürfen wir da nicht hin, obwohl die Menschen dort die
gleiche Sprache sprechen wie wir? – Warum sind dort Soldaten? - Haben die Menschen dort
Angst vor uns, weil sie so hohe Mauern und Zäune errichten? – Warum versuchen manche
Menschen von dort zu flüchten und zu uns zu kommen? Warum schießen die Soldaten auf
ihre eigenen Mitbürger? Politisch war vieles erklärbar, aber menschlich blieben viele Fragen offen.
Es wurden Menschen für viele Jahre getrennt, die verwandt waren, die Freunde waren.
Lieben und mögen die sich plötzlich nicht mehr? Oder warum haben sie keinen Kontakt mehr?
Es hat sich wohl damals niemand vorstellen können, dass die Teilung unseres Landes so
lange dauern würde, dass neue Generationen in unterschiedlichen politischen Systemen
heranwachsen werden und an ihre Staatsform glauben.
Und doch merkte ich schon als Kind, dass nicht alle Verbindungen gekappt werden konnten.
Familiäre Bande oder wahre Freundschaften haben auch in unterschiedlichen Systemen Bestand.
Oft musste man in Briefen, die uns erreichten, „zwischen den Zeilen lesen“ und man verstand den
Satz „die Gedanken sind frei“. Man begriff die Unmenschlichkeit dieses „Eisernen Vorhangs“,
musste aber damit leben.
Da meine Eltern weiterhin die Druckerei betrieben, war die Grenze über die persönlichen
Eindrücke hinaus natürlich mit großen wirtschaftlichen Einbußen verbunden. Nach der
Grenzziehung fiel unser Vertriebsgebiet in Thüringen gänzlich weg und meine Eltern
mussten sich in bestehende, westliche Märkte eingliedern. Es war für viele Jahre ein harter
Überlebenskampf in dieser strukturschwachen Region. Da dachte man schon an alte Zeiten
und träumte, wie es wäre, wenn die Grenze nicht da sei.
Man verfolgte jede politische Veränderung in der Hoffnung, dass die Grenzen wenigstens
für den Reiseverkehr geöffnet würden. Und plötzlich kam Bewegung in die
„Deutsch-Deutsche Beziehung“ – Montags-Demos, Ausreise über Ungarn, Öffnung der
Grenze in Berlin. Wird auch die Grenze in Philippsthal geöffnet?
Am 11.11.1989 fuhr ich mit meinem Mann abends zu einer Vereinssitzung, wir kamen
um 23.00 Uhr wieder nach Hause und wurden von einer Bundesgrenzschutzstreife
ca. 1 km vor dem Ortsteil Weidenhain angehalten und zum Wenden aufgefordert.
Da wir ja unmittelbar an der Grenze wohnten, wollten wir natürlich nach Hause fahren und
durften das nach kurzer Erklärung auch. Zu diesem Zeitpunkt war außer uns noch niemand an der
Grenze. Wir trauten unseren Augen kaum, als wir sahen, was da geschah. Die Soldaten
der Volksarmee begannen, die Grenzanlagen zu demontieren. Schnell benachrichtigten wir
per Telefon unsere Freunde und Bekannten und teilten ihnen die Neuigkeit mit. Es ging nun wie ein
Lauffeuer durch Philippsthal – Die Grenze geht auf!
Es war eine sehr kalte Novembernacht und wir kochten Tee und Kaffee, belegten Brote und Brötchen.
Die Menschen des ganzen Ortes waren auf den Beinen und wollten Zeugen dieser
historischen Nacht werden.
 
Da in Thüringen Fastnachtsbeginn gefeiert wurde, waren natürlich auch noch viele Thüringer
unterwegs und fuhren in glücklicher Erwartung Richtung Grenzsicherungsanlagen.
In den frühen Morgenstunden war es dann soweit. Die ersten DDR-Bürger durften die Grenze
zum Westen überschreiten. Es wurde geweint und gejubelt, die Menschen lagen sich vor
Freude in den Armen und konnten das Glück kaum fassen.
Das Haus auf der Grenze glich einem Durchgangslager, es war natürlich Anlaufstelle
für hunderte Menschen. Presse, Funk und Fernsehen waren vor Ort.
Da wir das erste Haus im Westen mit Telefongelegenheit waren und das Handyzeitalter noch
nicht flächendeckend verbreitet war, wollte jeder erst mal telefonieren, um sich mit Bekannten
und Verwandten zu verabreden.
Unsere Telefonrechnung belief sich im Monat November 1989 auf über 1500,- DM.
Da unser Grundstück höher gelegen war als die Straße, diente es für Wochen vielen
Menschen als Aussichtsplattform auf die Geschehnisse der schnell errichteten neuen
Grenzkontrollstelle.
Die Gartenanlage war nicht mehr wieder zu erkennen.
Da bis zur Errichtung der sanitären Anlagen an der Grenzkontrollstelle einige Tage vergingen,
dienten wir auch dort als „Ausweich-Örtchen“. Durch die enge Zufahrtsstraße im Weidenhain
kam man als Anwohner nur nach Stunden durch die Menschenmassen und
Trabbikolonnen nach Philippsthal und wieder zurück - geschafft aber glücklich.
Erst nach vielen Wochen des Besucherstroms gen Westens ging ich ganz allein über die
Werrabrücke Richtung Vacha und war ganz überwältigt von meinen Gefühlen.
Ich bedauerte zutiefst, dass meine Großeltern und mein Vater diesen Moment nicht mehr
miterleben durften.
In den 16 Jahren nach dem Mauerfall hat sich viel verändert. Auch für mich und das Haus auf der Grenze
hat es Veränderungen gegeben. Ich habe die Druckerei aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen
und das Haus auf der Grenze verkauft.
   
Eine neue Generation wurde in einem Deutschland ohne Grenzen geboren. Es ist alles
zur Normalität geworden und doch benötigt dieses vereinte Deutschland vielleicht noch ein paar
Jahre Toleranz und Respekt, gleichermaßen von „Wessis und Ossis“, um mit diesen
gravierenden Veränderungen leben zu können und sie als historische Chance zu verstehen.

Mit freundlichen Grüßen
Hildegard Abraham geb. Hoßfeld


Im Jahr 1958 war die Grenze noch recht unbefestigt. Das Bild entstand im Weidenhain in Philippsthal.  Die beiden Männer stehen links von der Druckerei Hoßfeld. Ihr Blick ist auf die Werra gerichtet. Rechts von ihnen würde sich die Vachaer Brücke anschließen. Markant ist das zu sehende Schild mit der Aufschrift: „Grenzgebiet der Bundesrepublik- Vorgarten oder Todesacker “, welches sich provokativ gegen die damaligen Ereignisse richtete.


Dieses Bild entstand am gleichen Ort, ebenfalls mit der Blickrichtung auf Vacha. Der auf den ersten Blick verwirrende dunkle Streifen im Vordergrund erweist sich als Schlagbaum aus Holz und verdeutlicht, wie nah man auf der Westseite an die Grenze gehen durfte.


Dieses Bild entstand auf dem Siechenberg  und zeigt Oberzella Ende der 50er Jahre. Direkt vor dem Fotografen befindet sich der niedrige Stacheldrahtzaun, welcher wohl nur symbolisch als Grenze stand. Im Vordergrund sind die Schatten der beiden Männer, die die Aufnahme machten, zu erkennen.


Wie das vorherige Bild wurde dieses ebenfalls auf dem Siechenberg geschossen, jedoch mit Aussicht über die Stadt Vacha. Im Vordergrund ist die Werra deutlich zu erkennen.


Auf diesem Bild erkennt man besonders gut die Grenze auf hessischer Seite, direkt neben der Buchdruckerei Hoßfeld. Man sieht auch deutlich, dass der „Ostteil“ des Hauses unbewohnt und heruntergekommen war, da durch die Grenzziehung der „Ostteil“ zugemauert werden musste. Weiterhin ist im Hintergrund das Siechenhaus zu sehen, welches wenige Jahre später abgerissen wurde.


Dieses Bild entstand nur wenige Tage nach der Grenzöffnung in Philippsthal/ Weidenhain. Jeden Tag pilgerten Menschenmengen auf die jeweils andere Seite und im Hintergrund sind die ersten Autos auf der provisorisch ausgebauten Straße zu erkennen.


Auf diesem Bild sieht man die Ostseite von Philippsthal. Es entstand unterhalb der heutigen Bundesstraße B62. Besonders auffällig ist das weite unbewachsene Stück Land, welches auf den früheren Grenz- bzw. Todesstreifen der DDR-Grenze zurückzuführen ist.

Den Kontakt mit Frau Abraham pflegte Marcel Sieber, dessen Familie auch die Fotos zur Verfügung stellte.
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