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STZ 06.11.2008
Vom eigenen Tod in der Zeitung gelesen

Vachaer Gymnasiasten lasen vor Gleichaltrigen aus Stasi-Akten / Erstmals Information über Point Alpha

Eisenach – Einen Geruch wie im Chemieraum seiner Schule hat Eberhard Fey in der Nase, als er am Heiligabend im Jahr 1975 in einem Sperrgraben zu Bewusstsein kommt. Gerade wollte der Weilarer, der heute in Bermbach im Landkreis Schmalkalden wohnt, die letzte Hürde an der Grenze zwischen Ost und West bei Geisa nehmen, da hat er eine Selbstschussanlage ausgelöst und mehrere Granatsplitter abbekommen. Noch spürt er keine Schmerzen – wie ein Film kommt ihm das Geschehen vor, und er ist nur unbeteiligter Zuschauer. „Lauf, lauf, lauf“ ruft er seinem Freund zu, dann liegt er allein in der Eiseskälte der Winternacht.

Wenige Minuten später kommen Grenztruppen, die ihn zunächst liegen lassen. Erst als ein Vorgesetzter auf einem Motorrad eintrifft, wird er auf eine Bahre gebettet und weggeschafft. Auf der holprigen Fahrt setzen die Schmerzen ein, zwischendurch wird er bewusstlos.

In einer Kaserne tragen ihn die aufgeregten Soldaten mit den Beinen nach oben die Treppe hinauf, ihm peitschen Zweige eines Weihnachtsbaumes ins Gesicht. Seine Kleidung wird aufgeschnitten und verbrannt. Elf Einschüsse hat er in Beinen und Unterleib, im Vachaer Krankenhaus wird er notoperiert, im Krankenzimmer sitzt ein Bewacher in Zivil mit im Raum. Dann kommt er in ein Haftkrankenhaus. Als reine Schikane empfindet er das Anlegen von Handschellen für den Transport, denn er ist völlig bewegungsunfähig.

Aus der Gefängniszeit sind ihm die Geräusche noch bestens vertraut. Vor allem Babygeschrei, das er hier am wenigstens vermutet hätte. „Das hat mir richtig weh getan“, erinnert er sich. Auch das Scheppern der Schüsseln bei der Essensausgabe bleibt ihm unvergesslich. Ein Jahr und sieben Monate dauert seine Haftstrafe. Er ist Wiederholungstäter – beim ersten Fluchtversuch war er 15 und kam danach in den Jugendwerkhof. Diese Zeit fand er viel schlimmer als im Cottbuser Gefängnis, aus dem er 1977 entlassen wird.

Nicht in die wirkliche Freiheit, denn der Ort Bermbach bei Schmalkalden wird ihm zwangszugewiesen. Außerdem darf er sich im Grenzkreis Bad Salzungen nicht mehr aufhalten, obwohl hier seine Eltern leben. Seine Anträge auf Aufhebung der Strafmaßnahme werden immer wieder abgelehnt, auch sein Personalausweis bleibt lange Zeit entzogen. Etwa 120 Schüler, Lehrer und Eltern hören im Eisenacher Abbe-Gymnasium gespannt dem Lebensbericht des 52-Jährigen zu. Manches Detail steht im Widerspruch zu den Auszügen aus Stasiakten, die Schüler des Vachaer Gymnasiums vortragen.

Zum Beispiel ist dort nichts davon zu lesen, dass die Grenztruppen dem Schwerverletzten nicht sofort zu Hilfe geeilt sind. Und wenn es heißt, er habe sich aus Streit mit seinen Eltern zur Flucht entschlossen, dann muss der Zeitzeuge darüber lachen, wie gut sein Trick funktioniert hat. Die Aktion sollte spontan und nicht geplant wirken, erklärt er in Eisenach. „Es freut mich, wie die Stasi das gefressen hat.“

Auch mit seiner Einstellung konnte er den Staat täuschen. So ist in Berichten nach seinem Umzug nach Bermbach davon zu lesen, dass sich seine Ansichten geändert haben. Nur seiner Ehefrau zuliebe zog er den Ausreiseantrag zurück, stellt er klar. Außerdem hat er versteckt weiterhin seinen Unmut über die Verhältnisse in der DDR kundgetan. So stand an seinem Arbeitsplatz: „Ich wollt, ich wäre Export“.

Die Aktenauszüge reichen, um kommentarlos ein Bild des Unrechtsstaates zu zeichnen. Allein wie detailliert über Fey Auskunft gegeben wird, erinnert an die schamlose Überwachung der Menschen. Die Sprachwahl ist ebenfalls vielsagend. So wird Fey in seinem Gerichtsurteil vorgeworfen, „außerordentlich gesellschaftswidrig“ gehandelt zu haben. „Leichtfertig und verantwortungslos gefährdete er die Ordnung und Sicherheit im grenznahen Raum.“ Aus Vorstrafen habe er nicht die notwendigen Schlussfolgerungen gezogen, weiterhin sei die „Umerziehung und Disziplinierung“ notwendig. Aus seiner Haftzeit heißt es, er sei immer noch dem Staat gegenüber negativ eingestellt und wolle ausreisen. „Es ist nicht zu erwarten, dass er den gesellschaftlichen Anforderungen gerecht wird“, so ein Zitat. Gleichzeitig wird er als höflich, ruhig und diszipliniert beschrieben, wobei Ordnung und Sauberkeit zu wünschen übrig ließen.

Dass der Staat seine Bürger wie unmündige Kinder behandelte, beweist auch die Einschätzung Feys nach seinem Umzug nach Bermbach. Seine Ehefrau und die Schwiegereltern wirkten sich positiv auf seine Erziehung aus, heißt es nun. Er zeige eine „einwandfreie Arbeitsdisziplin“ und falle weder durch „übermäßigen Alkoholgenuss noch durch rowdyhaftes Benehmen“ auf. Er verkehre auch nicht mit negativen Personen, sondern baue fleißig am Eigenheim und übernehme gesellschaftliche Verantwortung.

Zumindest hat er sich im neuen Wohnort schnell wohl gefühlt, kommentiert Fey. Wenngleich nach seiner Ankunft „alle tuschelten“, fühlte er sich gut aufgenommen und schon am zweiten Tag brachte ihm jemand eine Aluschleife für den Empfang von Westfernsehen.

Ein besonderes Ereignis hatte Fey nach der Wende. In der Frühstückspause im Betrieb las er zufällig von einem Gedenkkreuz, das Mitglieder der Jungen Union für einen Mann aufgestellt hatten, der an der Grenze nach einem Fluchtversuch umgekommen war. Da das Datum mit dem von Feys Festnahme übereinstimme, recherchierte er nach und stellte fest, dass er im Westen als tot gegolten hatte. „Das war ein komisches Gefühl“, sagt der Südthüringer. Er konnte das Missverständnis Jahrzehnte später aufklären und das Gedenkkreuz erinnert heute allgemein an all jene, die ihre Fluchtversuche nicht überlebten. „Da habe ich erst mal gemerkt, welches Glück ich hatte“, gibt der Zeitzeuge zu.

Berthold Dücker findet die Erinnerung an solche Schicksale aus der Vergangenheit wichtig, um die Zukunft gestalten zu können. Der Vorsitzende des Fördervereins Point Alpha zeigt sich froh darüber, erstmals in Eisenach von der Arbeit der Gedenkstätte berichten zu können: „Es wird höchste Zeit dafür, denn schließlich sind wir Nachbarn“. Den Point Alpha und das „Fulda -gap“ stellt er vor als „Ort von weltpolitischen Dimensionen und gefährlichsten Punkt während der Teilung Deutschlands“, da hier wahrscheinlich wegen der strategischen Lage der 3. Weltkrieg ausgebrochen wäre. „Das war das Pulverfass Europas. Nirgendwo sonst gab es mehr Waffen und ein Funke hätte genügt, um die Welt wieder in Flammen stehen zu lassen.“

Dücker empfahl den Schülern einen Besuch der Gedenkstätte und wünschte sich noch mehr Kontakte nach Eisenach. Hier, zwischen den zwei wichtigen Lernorten der Geschichte, Buchenwald und Point Alpha, müssten die Schüler an die zwei Diktaturen der jüngsten deutschen Geschichte erinnert werden. Gerade jetzt, da die Täter lauter und die Opfer leiser werden, „sollen sie den Wert der Demokratie schätzen und schützen lernen“, appellierte der Vereinsvorsitzende an die Schüler. Die Vachaer Gymnasiasten stimmten ihm zu, dass die Geschehnisse der Vergangenheit nicht vergessen werden dürften. „Wir wollen dazu einen Beitrag leisten“, betonte Stefan Kupetz, „viele Schüler wissen nicht, dass es einmal eine Grenze gab.“ Susanne Sobko

Wenn das einstige Stasi-Gefängnis zum Lesesaal wird

Gymnasiasten von heute lesen aus alten Geheim-Dokumenten vor und widerlegen das Bild von der geschichtsvergessenen Jugend
Suhl/Geisa – Heiligabend 1975 – zwei junge Männer versuchen bei Geisa über die Grenze zu kommen und lösen dabei die Selbstschussanlagen
aus. Einer bleibt von Splitter-Geschossen getroffen liegen, während sein Freund zunächst zurück in die DDR fliehen kann. Von westlicher Seite aus beobachten US-Militärs, wie der Körper des Verletzten von DDR-Grenzern abtransportiert wird. Der Flüchtling gilt nach den Berichten der Beobachter als tot.

Es handelt sich um Bernhard Fey, einen jungen Betonfacharbeiter aus Weilar, der zuvor schon immer wieder mit dem DDR-System in Konflikt geraten war. Er ist zwar schwer verletzt und bewusstlos, aber nicht tot. Weil er zwei Jahre zuvor schon einmal bei Henneberg einen Fluchtversuch unternommen hatte, gilt er jetzt als unverbesserlich und wird zu einem Jahr und sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Nach Weilar darf er wegen der Grenznähe nicht mehr zurückkehren, steht unter Beobachtung der Staatssicherheit.

Seine Geschichte, so, wie sie in den Stasi-Akten festgehalten ist, wird von Schülern des Vachaer Johann-Gottfried-Seume-Gymnasiums vorgelesen. „Leseland“ nennt sich die Veranstaltungsreihe der Thüringer Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, die am Sonntag in der einstigen Stasi-Haftanstalt in der Erfurter Andreasstraße Station macht. „Auf Herrn Fey sind wir mit der Initiative „Grenzspuren“ gestoßen“, berichtet Stefan Kupetz. Wie er gehören Martin Wagner, Josef Brähler und Eva-Maria Abel zum Team der Schüler, die aus den Akten lesen.

Mit der Veranstaltung, die im Untertitel „Stasi - Deutsch“ zugleich an eine Wörterbuch-Reihe erinnert, soll auch die Art des Umgangs mit Kritikern im SED-Staat deutlich werden. „Die Stasi hat ja über alle Akten geführt, aber noch deutlich mehr über diejenigen, die ein kritisches Wort geäußert haben“, beschreibt Stefan Kupetz seine Eindrücke aus den Akten. „Schlimm ist es, wie die Leute in ganz alltäglichen Situationen bespitzelt wurden und was dafür für ein Apparat nötig war.“ Aus einem anderen Akten-Fall – dem von Manfred May – weiß er, wie die Stasi ihr Opfer etwa einen ganzen Tag lang im Garten bespitzelt und akribisch notiert hat, wer dort alles ein und aus ging. Manfred May ist nicht nur selbst Unrechtsopfer, sondern auch Mitarbeiter bei der Landesbeauftragten und betreut dort das Leseland-Projekt.

Angesichts der aktuellen Debatten über eine Jugend, die praktisch nichts von der DDR weiß, zeigt das Leseland-Projekt deutlich, dass es auch anders geht. „Wir haben die Grenze hier unmittelbar vor der Haustür – da ist es doch logisch, dass wir uns damit befassen“, sagt Stefan Kupetz. Schließlich werde auch in der Schule viel über dieses Thema gesprochen. Dass es bei anderen Gleichaltrigen solch gravierende Wissenslücken geben soll – darüber will er sich lieber kein Urteil erlauben. Immerhin beteiligt sich mit dem staatlichen Gymnasium aus Suhl noch eine weitere Südthüringer Schule an der Akten-Lesung. Mehr wären sicher wünschenswert.

Fälle von Verfolgung geben die angehäuften Akten-Berge der Stasi sicher noch zur Genüge her – auch für die Nachfolger der heutigen Abiturienten. Denn abgeschlossen ist die Vergangenheitsaufarbeitung längst nicht. Selbst Bernhard Fey wartet noch immer auf seine volle Rehabilitierung. Die ist offenbar komplizierter als die Richtigstellung im hessischen Rasdorf, wo man in Erinnerung an den Grenz-Toten von Heiligabend 1975 ein Kreuz aufgestellt hatte: „Das war ich, und ich lebe noch.“
Von Redaktionsmitglied Jens Wenzel http://www.freies-wort.de

STZ 26.07.2008
Die DDR als Sozialparadies


Studie | Schüler aus Ost und West wissen erschreckend wenig über die SED-Diktatur

Berlin - 19 Jahre nach dem Mauerfall wissen zahlreiche Schüler aus Ost und West nur sehr wenig über die DDR. Sie halten beispielsweise Willy Brandt für einen berühmten Politiker der DDR. Und unter dem ehemaligen Staats- und Parteichef Erich Honecker gab es ihrer Ansicht nach demokratische Wahlen.
Das ist das Ergebnis einer gestern vorgestellten Studie des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin, für die mehr als 5200 Jugendliche in Bayern, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen sowie Ost- und West-Berlin befragt wurden. So war die DDR in den Augen vieler Jugendlicher ein soziales Paradies und keine Diktatur.
Die Studie offenbart eklatante Wissenslücken. Die Mehrheit aller befragten Jugendlichen wusste nicht, wer die Mauer errichtet hat. Viele tippten auf die Bundesrepublik oder die Alliierten. Fast die Hälfte der ostdeutschen und 66 Prozent der westdeutschen Schüler bejahte die Aussage "Die DDR war keine Diktatur, die Menschen mussten sich nur wie überall anpassen."
Die meisten kannten außerdem nicht die Unterschiede zwischen Diktatur und Demokratie.
Studienleiter Klaus Schroeder ist entsetzt über diese Ergebnisse. "Die Schüler sind nur das letzte Glied in der Kette der Verklärung und Verharmlosung", glaubt er nach der Befragung der Jugendlichen. Schließlich bekämen die Jungen und Mädchen ihre Ansichten von Eltern, Lehrern und den Medien vermittelt.
Das Problem seien daher teilweise die Schulen, sagt Schroeder. Denn während die Lehrpläne der vier untersuchten Länder die Behandlung der deutschen Teilungsgeschichte und der DDR vorsehen, werden diese Themen nach Aussage von Schülern und Lehrern vor allem in den neuen Bundesländern kaum im Unterricht behandelt. Gymnasiasten aus Brandenburg wussten daher weniger über die DDR als bayrische Hauptschüler.
Die Studie ergab auch einen direkten Zusammenhang zwischen dem Kenntnisstand und dem Urteil über die DDR. Wer glaubt, dass die Bundesrepublik die Mauer gebaut hat oder dass es in der DDR keine Todesstrafe gab, der bewertet auch das gesamte DDR-System eher positiv.
Deutlich problematischer als die mangelnde Schulbildung ist laut Schroeder die Rolle der älteren Generationen in Ostdeutschland. "Viele Eltern und Großeltern erzählen den Jugendlichen nur vom vermeintlich positiven Alltag in der DDR, blenden das Negative dabei aber aus", kritisiert der Wissenschaftler. Die Folge: Selbst wenn die Lehrer von den Mauertoten und den Methoden der Stasi berichteten, relativierten die Eltern diese Angaben oder stritten sie ganz ab.
Schroeder will dennoch nicht aufgeben. "Die Jahre 2009 und 2010 bieten sich als Erinnerungsjahre zum Mauerfall und der deutschen Wiedervereinigung an, um Aufklärungsarbeit zu leisten." Auch das ist das Ergebnis seiner Studie: Viele Schüler ahnen, dass sie nur wenig über die DDR wissen - und würden gerne mehr erfahren.


STZ 26.07.2008
Klartext
Von gestern und heuten
von Berthold Dücker

Da muss man nicht drum herumreden, auch nicht lange nach Erklärungen suchen: Wenn junge Menschen kaum 18 Jahre nach dem Untergang der DDR so erschreckend wenig über das SED-Unrechtsregime wissen, Erich Honecker für einen früheren Bundeskanzler halten und den Westen für den Mauerbau verantwortlich machen, dann ist etwas furchtbar schiefgelaufen im Lande. Was haben in den zurückliegenden Jahren eigentlich unsere Schulen getrieben? Was haben sie ihnen vermittelt, dass unsere Jugendlichen so beschämend wenig bis gar nichts wissen von dieser zweiten verbrecherischen Diktatur auf deutschem Boden? Darf es sein, dass so viele heute in der DDR ein glückliches, zufriedenes und menschenfreundliches Sozial- und Umweltparadies sehen? Allmähllich scheint sich "Pisa" zu erklären. Ein Blick in Schulbücher und Lehrpläne macht deutlich: Der für die Erziehung, Bildung und Prägung verantwortungsvoller und wachsamer Staatsbürger so ungemein wichtige Themenkomplex DDR/SED-Willkür/Stasi/Bürgerrechtsbewegung/friedliche Revolution/Wiedervereinigung findet so gut wie überhaupt nicht statt. Die Behandlung dieses unrühmlichen Kapitels unserer Geshcichte ist einzig in das Benehmen der Lehrer gestellt. Und nicht selten beginnt deshalb auch genau hier, als unmittelbare Folge also auch des Versäumnisses, die gigantische allgemeine Schönfärberei, das ungenierte Umstricken der Geschichte. Man kann es angesichts sich überstürzender (und sich auch wechselseitig bestätigender) Untersuchungen dazu nur so knallhart sagen: In Sachen Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit dem verbrecherischen SED-Regime hat die Schulpolitik in Deutschland versagt. Und was das Schlimmste ist: Sie hat aus eklatanten Fehlern der Vergangenheit nichts gelernt. Während in den 40 DDR-Jahren gelehrt wurde (fälschlicherweise, wie man weiß), dass die alten Nazis allesamt in der "BRD" sitzen und also nur dort das Nazi-Problem beheimatet sei, hat man im Westen Jahrzehnte gebraucht, um sich endlich konsequent diesem Kapitel zu stellen. Die Gründe dafür mögen durchaus vergleichbar sein, die Folgen sind es sowieso. Einschlägige Umfragen, politische Prozesse und Ereignisse von damals und heute weisen wohl auch deshlab frappierende Ähnlichkeiten auf: Es war ja schließlich "nicht alles schlecht" - allesamt Ausweise erschreckenden Unwissens, damals wie heute. Höchste Zeit zum Umsteuern. Deshalbt ist auch das dieser Tage gesetzte bayrische Signal, jetzt den Oberstufenunterricht über die NS-Zeit radikal einzukürzen, dumm, kurzsichtig und kontraproduktiv. Vor allem aber ist es unverantwortlich.

STZ 21.05.2008
„Ein Umstürzler war ich nie“
Manfred May über die Bespitzelung durch die Stasi und die Auswirkungen der Repressalien


Geisa/Rasdorf – „Als 19-Jähriger wollte ich nicht schweigen, sondern was tun. Die Wahrhaftigkeit und Nicht-Benutzbarkeit der Kunst war mir oberstes Gebot. Ich habe mich in den westlichen Medien informiert, wollte den internationalen Kontakt nicht verlieren. Aber ein Umstürzler war ich nie und hatte auch keine Visionen von alternativen Gesellschaftsordnungen.“ Manfred May – bildender Künstler und gebürtiger Magdeburger – geriet ins Visier der Staatssicherheit, weil er geradlinig im Denken war.

Weit über 2000 Seiten umfasst seine Stasi-Akte, die er Mitte der 1990er Jahre erstmals in Händen hielt. „Zwei Jahre habe ich gebraucht, um den Inhalt zu erfassen, die Aufarbeitung der seelischen Wunden ist aber noch lange nicht abgeschlossen“, betont May. Als Mitarbeiter der Beratungsinitiative des Freistaates Thüringen beschäftigt sich Manfred May mit der Unterstützung von Stasi-Opfern bei der Bewältigung der psychischen und physischen Gewalt, die ihnen während des DDR-Regimes widerfahren ist. Anlässlich des interationalen Museumstages stellte May im Rahmen des zweiten Teils der Veranstaltungsreihe „Leseland“ in der Gedenkstätte Point Alpha Auszüge aus seiner Akte zur Verfügung, „um den Zuhörern einen Einblick in die menschenverachtende Praxis der DDR-Bespitzelung zu geben“.

„Leseland“ entstand in Zusammenarbeit mit der Thüringer Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (TLStU) Erfurt, der Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen (BStU) und dem Förderverein Point Alpha, wobei der Name der Veranstaltung deutlich machen soll, welcher Zensur die Lesemöglichkeiten unterworfen waren. „Die DDR schmückte sich gern mit dem Begriff ,Leseland‘, jedoch war die große Lesefreiheit nur vorgetäuscht. Zweifelsohne wurde viel gelesen. Nur bestand der hauptsächliche Lesestoff weniger aus Literatur, denn es waren vorwiegend Berichte in Form von Stasi-Texten, die es zu lesen galt“, sagte Berthold Schwalbach, der sich als Betreuer in der Projektgruppe „Grenzspuren“ engagiert.

Im „Haus auf der Grenze“ trugen die Schüler Josef Brähler, Barbara Schütz, Martin Wagner und Stefan Kupetz vom Gymnasium Vacha Passagen aus der Stasi-Akte des Künstlers vor und mittels einer Video-Projektion konnten die Besucher die relevanten Paragraphen aus dem „Strafgesetzbuch der Deutschen Demokratischen Republik“ nachlesen. Gymnasiallehrerin Beate Dittmar unterstützte die freiwillige Projektarbeit.

Bereits seit dem Vormittag hatte Monika Aschenbach von der BStU-Außenstelle Suhl in der Gedenkstätte Point Alpha rund 60 Anträge von Bürgern auf Akteneinsicht entgegengenommen und Manfred May hatte eine Beratungssprechstunde angeboten. „Die meisten Betroffenen empfinden Point Alpha als geschützten Raum, dem sie Vertrauen entgegenbringen. Hier fühlen sich viele nach eigenen Angaben bei der Antragstellung wohler als auf einer Behörde. Dementsprechend groß ist auch die Nachfrage nach unserem Angebot“, informierte Stefanie Hergert, Mitarbeiterin der Gedenkstätte Point Alpha.

Betroffenheit zeigte sich auf den Gesichtern der Zuhörer, als sie erfuhren, welch minutiöser Überwachung und Bespitzelung durch die Stasi Manfred May seit 1968 ausgesetzt war. Zu diesem Zeitpunkt wurde er zusammen mit seiner Freundin und späteren Ehefrau festgenommen und verhört, weil er seine Meinung zu den Ereignissen des „Prager Frühlings“ kundgetan hatte. Unzählige „Inoffizielle Mitarbeiter“ (IM) wurden als Kontaktpersonen auf ihn angesetzt und zerpflückten Mays Privatleben bis ins kleinste Detail. Inzwischen sind die Namen von 30 dieser IM entschlüsselt und der Künstler war entsetzt, als er feststellen musste, dass sich unter diesen auch zwei enge Freunde seiner Familie befanden. In den Akten wird er unter anderem als „Objekt May“ bezeichnet. Ihm wird wiederholt unterstellt, er sei ein „Demonstrationstäter“, betreibe „staatsgefährdende Hetze“ und „subversive Aktivitäten gegen die DDR“, er leite einen „Literaturkreis mit negativ feindlicher Einstellung gegenüber der sozialistischen Gesellschaftsordnung“ und verfasse „versteckt-oppositionelle Schriften etwa auf dem Gebiet der sakralen Kunstgeschichte“. Die Stasi plante „Zersetzungsmaßnahmen innerhalb der Kunstszene um May sowie in dessen familiärem Umfeld“.

Manfred May erkrankte aufgrund der Repressalien, denen er sich, seine Frau und seine beiden Kinder ausgeliefert sah. Ein IM war Nervenarzt und hatte May davon überzeugt, als Kunsttherapeut mit seinen Patienten zusammenzuarbeiten. In seinen Berichten über die Zersetzungsmethoden an May notierte er schließlich, dieser sei psychisch erkrankt, von Verfolgungsängsten getrieben und mit Suizidgedanken befasst.

Fassungslosigkeit herrschte im Publikum auch dann noch, als im Anschluss an die Lesung eine Gesprächsrunde stattfand. Fördervereinsvorsitzender Berthold Dücker fragte May nach dessen „Empfindungen gegenüber den teilweise noch heute politisch aktiven IM von damals“. „Ich habe nichts gegen politische Verantwortung und Auseinandersetzung mit dem eigenen Schuldanteil. Aber unter den im Thüringer Landtag Tätigen mit IM-Vergangenheit habe ich eine solche Verantwortung nicht erkannt“, so Mays Antwort. cf

STZ 30.04.2008
„DDR-Geschichte kommt zu kurz“
Schüler des Vachaer Gymnasiums besuchten ehemalige MfS-Untersuchungshaftanstalt in Erfurt

Von Christina Amthor

Vacha – „Wenn Schüler überhaupt etwas über die DDR-Geschichte wissen, dann ist das meist sehr oberflächlich“, sagt Berthold Schwallbach, Mitarbeiter der Volkshochschule des Landkreises Fulda. Um diesem Defizit entgegenzuwirken, wurde das Projekt „Das Leben beiderseits der Grenze vor 1989“ initiiert, über das die stz in einer Serie berichtet hat. Träger des Projektes, das seit 2005 läuft, sind die Volkshochschulen des Landkreises Fulda und des Wartburgkreises in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Point Alpha.

Am Johann-Gottfried-Seume-Gymnasium in Vacha beteiligen sich zehn Schüler der Oberstufe an diesem Geschichtsprojekt. Gemeinsam mit den Schülern des Leistungskurses Geschichte unternahmen sie eine Busfahrt nach Erfurt und besuchten dort die ehemalige Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit und die Außenstelle der Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen (BStU). Die Personennahverkehrsgesellschaft Bad Salzungen stellte der Projektgruppe für diesen Ausflug einen Reisebus zur Verfügung.

In der Außenstelle der BStU werden die Schüler und ihre Lehrer von Anke Drößiger, einer Sachbearbeiterin, begrüßt und in einen Schulungsraum geführt, wo sie ihnen Aufbau, Aufgaben und Funktionen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in der DDR erklärt. „Im Staatsbürgerkundeunterricht lernten wir, dass wir in der Diktatur des Proletariats leben. Diktatur war ein Begriff, den ich damals nicht negativ empfand“, berichtet sie über ihre Erinnerungen aus der Vergangenheit. „In einer Diktatur wollen die Machthaber gerne wissen, was ihr Volk denkt. Dazu war ein zentralistisch organisierter Apparat nötig, die Stasi“, erklärt sie den Schülern. „Die Schüler sind zwar meistens vorbereitet, aber dann doch sehr erstaunt, welche Auswüchse das System hatte“, sagt Anke Drößiger. Auch sie hat die Erfahrung gemacht, dass viele Jugendliche kaum etwas über die jüngste Geschichte wissen.

Dann besichtigen Schüler und Lehrer das Archiv mit etwa 5 000 laufenden Metern Aktenmaterial der Bezirksverwaltung Erfurt des MfS. Um den Schülern die Denk- und Handlungsweisen der Stasi näherzubringen, hatte Dr. Matthias Wanitschke, Mitarbeiter der Thüringer Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes, Originalquellen für die Schüler vorbereitet. Es handelt sich dabei um die Stasi-Akten von Horst von Quillfeldt. „Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, Schüler auf diese Weise an das System der Stasi heranzuführen“, sagt Matthias Wanitschke. In vier Gruppen beschäftigten sich die Schüler mit den Akten des Erfurters, der diese für Schülergruppen bereitstellte. „Es ist wichtig, dass die Jugendlichen aufgeklärt werden und etwas über das System erfahren. Oft wird DDR-Geschichte verklärt und Wahrheiten verdrängt“, sagt er.

Seit 1977 hatte Horst von Quillfeldt mehrere Ausreiseanträge gestellt, wurde vom MfS bespitzelt und kam 1978 in Untersuchungshaft, weil er mit einem Transparent Aufsehen erregt hatte. In den Akten konnten die Schüler nachlesen, warum man Horst von Quillfeldt als Mitarbeiter des MfS anwerben wollte, was verdeckte Ermittlungen ergaben und was in der Untersuchungshaft mit ihm geschah. Eifrig machten sich die Vachaer Schüler an die Arbeit.

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Die Schüler sind oft sehr erstaunt
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„Ich fand das sehr bewegend und interessant. Ich finde es gut, dass er den Schülern gegenüber so offen seine Geschichte zeigt“, sagt die Schülerin Barbara Schütz. Nach der Gruppenarbeit trugen die Schüler ihre Ergebnisse zusammen. „Horst von Quillfeldt lehnte die Politik der SED von Anfang an ab“, erklärt ein Schüler aus der ersten Arbeitsgruppe. Weil er so selbstsicher aufgetreten sei, wollte ihn die Stasi anwerben, erkannte jedoch seine politische Einstellung und hielt ihn daher für nicht geeignet. Interessiert verfolgen die Schüler, was ihre Mitschüler in den Akten herausgefunden haben. Es werden Textstellen vorgelesen und Fragen aufgeworfen. „Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“, sagt eine Schülerin zur Verurteilung des Erfurters.

Nach der Mittagspause trifft sich die Gruppe vor dem ehemaligen Gebäude der MfS-Untersuchungshaftanstalt. „Fast die gesamte Andreasstraße bestand aus Stasi-Gebäuden“, hatte Anke Drößiger den Schülern am Vormittag erklärt. Nicht nur eine eigene Tankstelle, auch spezielle Einkaufsmöglichkeiten und eigene Ärzte befanden sich auf dem Gelände. „Ich erinnere mich noch an den vierten Dezember 1989. Ein gewisser Geruch lag über der Stadt, als die Stasi die Akten vernichtete“, erzählt Matthias Wanitschke, der damals Student war, den Schülern auf dem Hof der ehemaligen MfS-Haftanstalt.

Zur Schülergruppe stößt nun auch Horst von Quillfeldt, über den die Schüler nun schon viel gelesen hatten. In einem kleinen Rundgang zeigt Matthias Wanitschke die kargen Räume der Haftanstalt, in der auch der Erfurter ein Vierteljahr inhaftiert war. In einer der Zellen versammeln sich Schüler, Lehrer und Horst von Quillfeldt. Durch das mit Glasbacksteinen vermauerte Fenster drang nur wenig Licht. Allein die Vorstellung, dass in einer solchen Zelle bis zu vier Inhaftierte untergebracht waren, wirkt beklemmend. Nun können die Schüler Horst von Quillfeldt Fragen stellen. Anfangs etwas zögerlich, aber sehr interessiert erkundigen sich einige über seine Erlebnisse in der Haftanstalt. „Wir durften uns von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends nicht auf das Bett legen oder setzen. Da blieb einem nichts anderes übrig, als im Kreis zu laufen“, erzählt der ältere Herr und schildert auf Wunsch der Schüler genau den Tag, an dem er vor der Humboldt-Universität ein Transparent mit der Aufschrift „10.12. Tag der Menschenrechte. Ich fordere mein Recht auf Ausreise aus der DDR!“ ausbreitete und festgenommen wurde.

„Ich fand es gut, dass wir mit einem Zeitzeugen sprechen konnten“, sagt Schülerin Theresa Oswald. Auch beim Geschichtsprojekt führten die Schüler Zeitzeugengespräche und stellten das Material für eine Ausstellung und eine Informations-CD zusammen.

„Der Lehrplan im Geschichtsunterricht ist sehr eng gefasst. Deshalb wurde die DDR-Geschichte meist nur im Vergleich zur Entwicklung der alten Bundesländer gelehrt“, erklärt Geschichtslehrerin Antje Helm. „Uns ist klar geworden, dass wir diesem Teil der Geschichte in Zukunft mehr Zeit einräumen müssen.“ Auch ihr Kollege Rainer Rothe findet, dass die DDR-Geschichte im Unterricht bisher zu kurz kommt.

STZ 26.04.2008
Sprache mit zerstörerischer Kraft
Schüler lasen aus Stasi- und Gerichtsakten über eine missglückte Flucht und deren Folgen

Geisa – Lesungen gibt es regelmäßig in der Gedenkstätte Point Alpha. Am Donnerstagabend saß jedoch kein Autor im Podium.

Stattdessen lasen Martin Wagner, Barbara Schütz, Josef Brähler und Stefan Kupetz – vier Schüler des Vachaer Seume-Gymnasiums – aus Stasi- und Gerichtsakten der DDR. Sie trugen die Geschichte von Bernhard Fey vor – aus der Sicht der verschiedenen Institutionen des DDR-Machtapparates. Fey hatte gemeinsam mit einem Freund am Heiligabend 1975 versucht, die Grenze bei Geisa zu übersteigen. Die Flucht scheiterte. Bernhard Fey war ebenfalls am Donnerstag dabei und erzählte die Geschichte aus seiner Sicht. Das Besucherinteresse war riesig: Im „Haus auf der Grenze“ blieb kein Platz frei.

„Hier erleben wir eine ganzheitliche, generationsübergreifende Beschäftigung mit unserer Vergangenheit, die heute Abend am Beispiel eines Schicksals mahnt, die Aufarbeitung für die Betroffenen unterstützt und gleichzeitig durch das Projekt die nächste Generation in die Verantwortung für den Erhalt der Demokratie und Menschenwürde für die Zukunft einbindet“, sagte Stefanie Hergert, Mitarbeiterin der Gedenkstätte Point Alpha. „Leseland“, so heißt die Veranstaltungsreihe, ist ein Projekt der Stasiunterlagenbehörden von Bund und Land Thüringen in Zusammenarbeit mit Point Alpha und der Projektgruppe „Grenzspuren“.

„Leseland ist eine Bezeichnung, welche die DDR – sich selbst lobend – für sich beanspruchte. Man könnte viel über den verquasten Ausspruch sagen, letztendlich war das Lesen umzäunt wie das Land selbst“, sagte Manfred May, Mitarbeiter der Thüringer Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen. Zensur habe es damals für jene gegeben, die schrieben, aber auch für das, was gelesen werden durfte. „In unserem Zusammenhang steht die sprachliche Prägung ironisch als Titel über einer Folge ungewöhnlicher Lesungen. Das Wort steht für die ungeheure Fülle des Materials, das die Stasi über Menschen angesammelt hat“, erklärte May. Viele, die ihre Stasiakten lesen, seien überwältigt von der Sprache des MfS, von der Gewalt und zerstörerischen Kraft, mit der diese Sprache auf sie wirkt, sagte er. „Das Thema Stasi gilt für einen breiten Teil der Öffentlichkeit als ausgelutscht und uninteressant. Wir haben versucht, einen neuen Ansatz zu finden“, erläuterte May. Unverändert wurden die Texte vorgetragen. „Es ging uns weniger darum, spektakuläre Geschichten zu erzählen. Hier sollen die Funde – die Texte, die vom MfS zusammengetragen wurden – im Mittelpunkt stehen.“

Der aus Weilar stammende Bernhard Fey, damals Betonfacharbeiterlehrling, hatte 1971 erstmals versucht, gemeinsam mit 15 weiteren jungen Leuten bei Henneberg die Grenze zu überqueren. In der Gruppe war ein Verräter, sie wurden geschnappt, verurteilt und eingesperrt. Bernhard Fey gab nach der Haftentlassung seine Pläne nicht auf. Am Morgen des Heiligabend 1975 überstieg er gemeinsam mit einem Freund bei Geisa den Grenzzaun. Dabei lösten die Männer eine Selbstschussanlage „SM 70“ aus. „100 Gramm TNT detonierten, verschossen scharfkantige Stahlsplitter bis zu 120 Meter weit“, beschrieb Josef Brähler die Wirkungsweise dieser Mine. Während sein Freund nur leicht verletzt wurde und zunächst in Richtung Bremen fliehen konnte, blieb Fey schwerverletzt liegen. „Beim Versuch, die Grenzanlagen zu überqueren, kam es zur Auslösung einer Sperranlage ... Fey wurde von den Angehörigen der Grenztruppen gestellt und sofort medizinisch versorgt“, schrieb die Stasi später in ihren Berichten. „Das ist Schönfärberei“, sagte Bernhard Fey am Donnerstag. „Zuerst raste ein Geländewagen den Kolonnenweg entlang, fuhr weiter. Dann kam ein Lkw, Soldaten sprangen herab, rauchten eine Zigarette. Dann kam ein Motorradgespann, dessen Beifahrer führte die Grenzer über den frisch geeggten Streifen zu mir. Dann brachte man mich mit einer Tuchtrage zum Lastwagen“, erinnerte er sich. In der Kaserne wurde er medizinisch versorgt, danach ins Vachaer Krankenhaus gebracht. Später wurde er in ein Haftkrankenhaus bei Leipzig überführt. Elf Splitter hatten Bernhard Fey getroffen, er verlor viel Blut, leidet heute noch an den Spätfolgen seiner Verletzungen.

Ein Jahr und sieben Monate Gefängnis, so lautete das Urteil. „Die erneute Straffälligkeit des Angeklagten Fey macht deutlich, dass er aus seiner Vorstrafe noch nicht die richtigen Schlüsse gezogen hat“, las Stefan Kupetz aus den Gerichtsakten vor. Nach seiner Entlassung im Sommer 1977 durfte er nicht nach Weilar zurückkehren, wegen der Grenznähe. In Bermbach bei Schmalkalden bekam er Arbeit und Wohnung zugewiesen. Fey stellte einen Ausreiseantrag, den er erst zurückzog, als er seine spätere Frau kennengelernt hatte, eine Familie gründete. Der Betrieb, in dem er arbeitete, und die Gemeinde lobten ihn in ihren Berichten: Er engagiere sich am Arbeitsplatz und auch gesellschaftlich. Trotz deren Befürwortung, ihm die Erlaubnis zum Besuch seiner Eltern in Weilar zu geben, lehnten die damaligen Kreisfunktionäre Feys Antrag ab. Erst 1981 wurde die Aufenthaltsbeschränkung aufgehoben, seinen Personalausweis erhielt Fey erst 1989 zurück. „Es verging ein Vielfaches der Haftzeit, in der er seine Bürgerrechte nach DDR-Verständnis nicht wahrnehmen konnte“, kommentierte Manfred May.

„Im Geschichtsunterricht hatten wir schon viel zum Thema erfahren. Aber erst, wenn man die Akten liest, erfährt man, wie die Menschen wirklich beobachtet wurden. Das kann man sich so nicht vorstellen“, schilderte Stefan Kupetz seine Eindrücke.

„1991 wurde Bernhard Fey strafrechtlich rehabilitiert und stellte einen Antrag auf Opferrente. Seitdem wartet er darauf“, sagte Josef Brähler. Das Unrecht ist bis heute nicht aufgearbeitet. sach

STZ 23.04.2008
Gedenkkreuz für missglückte Flucht
Schüler lesen aus Stasiakten


Geisa/Rasdorf – Heiligabend 1975. Zwei junge Männer versuchen in den Morgenstunden, bei Geisa über den Grenzzaun in die Bundesrepublik zu flüchten. Dabei lösen sie eine der am Zaun angebrachten Splitterminen vom Typ SM 70 aus. Bernhard Fey, einer der beiden Männer, wird von den Geschossen getroffen und bleibt reglos liegen. Dem anderen gelingt zunächst die Flucht zurück ins DDR-Gebiet, später wird er jedoch geschnappt.

Amerikanische Soldaten vom direkt gegenüberliegenden US-Stützpunkt Point Alpha beobachten die Geschehnisse, würden gerne helfen, müssen jedoch tatenlos zusehen. Jegliches Eingreifen ihrerseits hätte eine schwere Provokation bedeutet. DDR-Grenzer transportieren Feys leblosen Körper ab.

In der Bundesrepublik geht man davon aus, dass der getroffene Flüchtling tot ist. Mitglieder der Jungen Union Rasdorf errichten zum Gedenken an ihn am Point Alpha ein Birkenkreuz. Es wird in den 90er-Jahren erneuert und ist heute noch zu sehen.

Bernhard Fey überlebt jedoch schwer verletzt. Er wird im Krankenhaus behandelt und anschließend zu einer Haftstrafe verurteilt – wegen „Republikflucht“. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis wird ihm verboten, sich in der Sperrzone aufzuhalten. Später heiratet er, baut ein Haus, doch die schweren Verletzungen hinterlassen gesundheitliche Folgen, die er heute noch spürt. Nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ liest er in der Zeitung zufällig seine Geschichte, auch den Fakt, dass es zum Gedenken an seinen vermeintlichen Tod ein Birkenkreuz gibt. Bernhard Fey meldet sich, erzählt, wie es wirklich war. „Ich hab‘s nicht geschafft, rüber zu kommen, der Westen ist zu mir gekommen, die Grenze ging auf“, sagt er. In der heutigen Gedenkstätte Point Alpha ist er bei vielen Veranstaltungen zu Gast.

Morgen wird Bernhard Feys Geschichte aus Sicht der Stasi betrachtet. Schüler des Vachaer Seume-Gymnasiums lesen im „Haus auf der Grenze“ (thüringischer Teil der Gedenkstätte Point Alpha) aus Feys Stasiakten. Die Veranstaltung „Leseland“ beginnt um 18 Uhr. Organisiert wurde sie in Kooperation der Thüringer Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen und der Suhler Außenstelle der Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen. Vor der Lesung (von 13 bis 17 Uhr) bieten beide Behörden Beratung zu Akteneinsicht und Fragen der Rehabilitierung und Wiedergutmachung von DDR-Unrecht an. sach


STZ 19.06.2007
GESCHICHTSAUFARBEITUNG
Grenz-Spuren vor der Haustür gefunden
Drei Abiturientinnen aus Vacha untersuchten „Alltag im Sperrgebiet“ und erhielten gestern einen Sonderpreis in Weimar
„Die Leute wollten das erzählen“, sagt Theresia Leister. Was? „Wie es früher war im Grenzgebiet“. Theresia und ihre beiden Freundinnen Anika und Juliane Fischer, Abiturientinnen vom Vachaer Johann-Gottfried-Seume-Gymnasium, mussten Zeitzeugen von damals nur ansprechen – und schon sprudelte es aus vielen regelrecht heraus, berichten sie. Die Recherchen der drei erfuhren gestern eine besondere Würdigung.
VACHA/ WEIMAR – Für die Seminarfacharbeit, die zum Abitur gehört, hatten die jungen Frauen aus Kranlucken und Geismar ein Jahr lang Menschen interviewt, die im damaligen Grenzgebiet lebten – da, wo heute keine Grenze mehr ist, wo die drei Abiturientinnen nichts mehr zu befürchten haben, wenn sie nach Fulda oder in eine andere hessische Stadt fahren möchten. Anika Fischer, Juliane Fischer und Theresia Leister fanden ihr Seminarfachthema, als sie an der Verleihung des Point-Alpha-Preises 2005 an George Bush, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl für deren Verdienste um die Einheit Deutschlands und Europas in Frieden und Freiheit teilnahmen. „Dort wurde den Schülerinnen ihr eigenes Unwissen über die Zeit der Grenzöffnung erst richtig bewusst“, hieß es in der gestrigen Laudatio in Weimar. „Sehr emotional“ haben die Menschen, die die Mädchen nach ihren Erinnerungen befragten, ihnen geantwortet, sagen die drei. Das Ergebnis beeindruckte nicht nur die Lehrer, sondern auch die „Stiftung Ettersberg“, die den 4. Schülerwettbewerb im Seminarfach ausgeschrieben hatte. Die drei Vächer Gymnasiastinnen erhielten einen Sonderpreis, dotiert mit 250 Euro – einen von fünf, die ausgereicht wurden.
„Wir haben das Thema Alltag im Sperrgebiet unter der Fragestellung bearbeitet, ob das Leben in einer heilen Welt war oder das Gefangensein in den Zwängen der sozialistischen Diktatur“, erzählen die Mädchen. Sie wollten nicht nur Ost-Shows im Fernsehen sehen, sie wollten keine Verklärung, sondern Tatsachen, sagen sie. Die fanden sie vor der eigenen Haustür. „Politik, Wirtschaft, Gesellschaft – Schule, Kindergarten, Kirche, Bürgermeister, Stasi haben wir zum Thema gemacht und 70 Seiten Seminarfacharbeit geschrieben“, berichten sie. Was darüber hinaus – eine Seminarfacharbeit hat nun einmal ihre festen Regeln– noch an Interessantem herauskam, stellten sie im Projekt „Grenzspuren“ der Volkshochschulen Wartburgkreis und Fulda ins Internet. „Wir haben mit den Pfarrern Bruno Heller und Harald Reichmann gesprochen, mit Bürgermeister Klaus Koschnik aus Reinhards, mit Willi Fink aus Großenbach, mit Helmut Mannel von der LPG, mit der Lehrerin Ruth Linke – Menschen, die ihre Erfahrungen mit dem Leben im Grenzgebiet gemacht haben“, sagt Theresia.
Als sie von der Ausschreibung der „Stiftung Ettersberg“ erfuhren, haben sie nicht nur ihre Seminarfacharbeit, sondern auch ein Video von deren Präsentation an der Schule eingeschickt. Der Laudator hob gestern in Weimar vor allem das Engagement der drei jungen Frauen hervor: „Die drei Autorinnen arbeiten eigenständig unter Anwendung vielfältiger Recherchemethoden: Sie verknüpfen in einer guten Mischung aus Quellen- und Zeitungsrecherche sowie Gesprächen mit Betroffenen allgemeine Darstellungen mit regionalen Beispielen, wobei sie stets um eine reflektierte, differenzierte Sicht und ein komplexes Bild bemüht sind. Die Arbeit zielt nicht auf Vollständigkeit; sie ist vor allem deshalb hervorhebenswert, weil die Schülerinnen sehr motiviert an die Recherche herangegangen sind und sich aus dem Interesse an ihrer Heimatgeschichte allgemeinere Erkenntnisse zur Diktatur und zu den Grenzregimen in der DDR erschließen.“
Für Anika, Theresia und Juliane ist die Beschäftigung mit dem Thema mit dem Abiturzeugnis ebenso wenig zu Ende wie das Grenzspuren-Projekt: Wie Beate Dittmar, Seminarfachlehrer, und Rainer Rothe, der Fachbetreuer der drei, erklären, gibt es bereits konkrete Vorstellungen über die Weiterführung des Projektes, das 2005 im September aus der Taufe gehoben worden war. Elf Schüler des Vachaer Johann-Gottfried-Seume-Gymnasiums arbeiten weiter an diesem Projekt, das von den beiden Volkshochschulen weiter getragen wird. (fr)
www.grenzspuren.de


STZ 16.06.2007
BEMERKENSWERTE SEMINARFACHARBEITEN
Erst gute Noten, jetzt noch ein Preis
Abiturienten aus Schmalkalden und Vacha werden von der Stiftung Ettersberg ausgezeichnet
Für drei Schülerinnen aus Geismar und vier Schüler aus Schmalkalden ist die Seminarfacharbeit in der Oberstufe sehr gut gelaufen. Sie bekamen gute Noten in der Schule – und nun folgt eine Auszeichnung im Schülerwettbewerb der Stiftung Ettersberg.

VACHA/SCHMALKALDEN – Der Schülerwettbewerb der Stiftung war unter dem Titel „Diktaturerfahrung und demokratische Umbrüche in Deutschland und Europa“ ausgeschrieben, ein Motto, das zu den Arbeiten der beiden Schülergruppen passt.
Thomas Kieschnick, Jonas Luck, Maik Offerle und Benjamin Weisheit vom Philipp-Melanchthon-Gymnasium Schmalkalden haben sich das Thema Staatssicherheit vorgenommen. Weil sie von ihren Eltern „viel darüber gehört“, aber sonst noch wenig Konkretes erfahren hatten. Im Herbst 2005 fuhren sie nach Suhl zum Tag der offenen Tür in der Außenstelle Suhl der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU). Eigentlich wollten sie über Dinge wie Sicherheitstechnik schreiben, über Abhöranlagen etwa, doch das, bemerkten sie, „war uns schnell zu allgemein“. Ein Mitarbeiter der Suhler BStU-Stelle, Egon Peter, bot Hilfe an. Er hatte schon mehrmals Schüler betreut, wusste, was eine Seminarfacharbeit ist und machte die vier Schmalkalder auf einen interessanten Vorgang aus ihrer Heimat aufmerksam: Die 49 Ordner oder 8200 Seiten umfassende Akte „Dolmetscher“.
Das „Beispiel für einen operativen Vorgang des Ministeriums für Staatssicherheit“, wie der Untertitel der Arbeit nun lautet, betrifft den Schmalkalder Judotrainer Hans-Dieter Clemen. Über vier Jahre hinweg wurde er von der Staatssicherheit ausgespäht, abgehört und überwacht, bevor er im April 1978 festgenommen und ins Stasi-Gefängnis nach Berlin-Hohenschönhausen gebracht wurde. Die Stasi war sich sicher, einen dicken Fisch im Netz zu haben. Der Judotrainer, so hatte ein Inoffizieller Mitarbeiter (IM) immer wieder berichtet, sei Spion eines imperialistischen Geheimdienstes.
Die vier jetzt 18-jährigen Schmalkalder lasen sich durch Aktenblätter, sprachen mit dem heute 70-jährigen Judotrainer, erlebten, wie die Geschichte den Mann immer noch mitnimmt, und erfuhren, „wie perfide die Staatssicherheit vorgegangen ist“. Am Anfang stand eine Bemerkung des Judotrainers gegenüber seinem – eigentlich – besten Freund, der immer wieder habe wissen wollen: „Du machst doch was, oder?“ Der Trainer wollte seine Ruhe haben, sagte irgendwann, jaja, ich mach schon was, aber nicht für unsere. Der vermeintlich beste Freund war ein Doppelagent der Stasi und des KGB, seine Berichte fanden Gehör, „und dann hat sich die Geschichte hochgeschaukelt“, wie die Schmalkalder Abiturienten herausfanden.
Ein halbes Jahr war Clemen in Hohenschönhausen inhaftiert, dann stand fest: Die Vorwürfe waren nicht zu halten, der Judotrainer war nie Staatsspion. Der Mann wurde freigelassen, die Akte 1980 geschlossen.
Clemen selbst, so hatte er den Schülern erzählt, liest nicht gerne in seiner Akte. Dem Vorhaben der vier jungen Männer stand er jedoch sehr aufgeschlossen gegenüber, erzählte auch vor laufender Videokamera von seinen Erfahrungen im Gefängnis. Zur Präsentation der Facharbeit zählte außerdem eine gespielte Gerichtsverhandlung, wie es sein könnte, wenn Clemen anklagen würde. Die vier Schüler überzeugten: Alle schnitten mit 14,4 Punkten, und damit „sehr gut“ ab.
Und nun kommt die Auszeichnung der Stiftung Ettersberg dazu. Conny Krichling, Fachbetreuerin während der Arbeit, freut es: „Ich finde es gut, dass das Engagement der Schüler gesehen wird“.
„Das ist ein riesiger Erfolg“, sagt auch Beate Dittmar, Betreuerin der Facharbeit von Anika Fischer, Juliane Fischer und Theresia Leister vom Johann-Gottfried-Seume-Gymnasium in Vacha. Das Thema ihrer – ebenfalls mit sehr guten Noten bewerteten – Arbeit lautet „Alltag im Sperrgebiet – Leben in einer heilen Welt oder gefangen durch die Zwänge der sozialistischen Diktatur?“. stz-Lesern müssten Teile davon bekannt vorkommen: In der Serie „Grenzspuren“ veröffentlicht die stz bemerkenswerte Schülerarbeiten, die während des „Grenzspuren“-Projektes der Volkshochschulen Wartburgkreis und Landkreis Fulda entstanden sind. Die Facharbeit der drei Abiturientinnen aus Geismar gehört dazu. Die jungen Frauen nutzten die Möglichkeiten des Projektes, um für ihre Arbeit zu recherchieren. Sie sprachen mit Bürgermeistern, Landwirten, Kirchenleuten, Lehrern oder Zwangsausgesiedelten und nutzten dabei den Vorteil, dort zu wohnen, wo noch vor 18 Jahren die Grenzanlagen Deutschland teilten. Vorher hatten sie noch an Themen wie Zwillinge, McDonalds oder Kinderserien gedacht, jetzt sind sie, wie die Abiturienten aus Schmalkalden, froh, in der jüngeren Geschichte gegraben zu haben. Denn: In der Schule, so sagen sie übereinstimmend, wird wenig über die Verhältnisse in der DDR gelehrt. Außerdem, meint Thomas Kirschnick, sei es gut, „kein Google-Thema zu haben“.
Dass es nun noch eine Auszeichnung geben soll, sei „schon cool“. Ob es Haupt- oder Sonderpreise sind, wissen die Abiturienten nicht. Am Montag, bei der Preisverleihung in Weimar, wenn acht von 39 eingereichten Facharbeiten ausgezeichnet werden, erfahren sie es. (uf)
STZ 16.06.2007


Die Jugend von heute
von Christoph Witzel
Klar, ein bisschen blöd sind sie alle; und faul natürlich; und haben kein Interesse an nichts – außer an Flatrate-Partys und Computerspielen. Die Jungend von heute, ach ja! Ach ja? Abgesehen davon, dass verallgemeinernde Klischees immer mehr über den Verbreiter des Klischees als über die Richtigkeit seines Inhalts aussagen. Und abgesehen davon, dass der „Die Jugend von heute“-Stoßseufzer die Erwachsenen aller Zeiten und aller Orte begleitet. Es ist natürlich ein Schmarrn. Die sieben jungen Leute aus Schmalkalden und aus Geismar, die die stz heute vorstellt, widerlegen die Vorurteile über „die Jugend von heute“ auf eindrucksvolle (und übrigens auch sehr charmante) Art und Weise. Sie wollen etwas wissen über ihre unmittelbare Umwelt – und sie haben sich dieses Wissen erarbeitet; selbstständig, forschend, im Gespräch mit Menschen, im Studium von Akten, über einen längeren Zeitraum. „Wir wollten selbst etwas machen und nicht nur was zusammengoogeln“, erzählt beispielsweise Thomas Kieschnick, einer der sieben Jugendlichen, die am Montag in Weimar von der Stiftung Ettersberg ausgezeichnet werden. Für Facharbeiten, die sich mit der jüngsten deutschen Vergangenheit auseinandersetzen, mit der Geschichte der DDR. Über den Alltag im Sperrgebiet haben sie geschrieben und über eine denkwürdige Stasi-Bespitzelung in Schmalkalden. Und sie haben – das ist ihnen sofort anzumerken – dabei etwas erfahren, also Erfahrungen gemacht, die sie bereichern. Früher, als PISA-Streit und sogenannte pädagogische Konzepte noch nicht alle Debatten in diesem Bereich überschatteten, nannte man so etwas Bildung. Ein großes Wort. Aber auch ein schönes und gutes und richtiges. Den Eindruck verknöchert-bildungsbürgerlicher Streber machen die sieben übrigens trotzdem nicht. Sie fordern eher: Dass man in der Schule beispielsweise der Geschichte der DDR mal bitte schön etwas Raum geben solle – und nicht nur ununterbrochen das Mittelalter rauf und runter unterrichten. Ganz schön frech, was? Na ja, die Jugend von heute.


Junge Menschen helfen erinnern

von Günter Wolf - Fuldaer Zeitung (Ausgabe Hünfelder Zeitung) vom 12. Februar 2007
Geschichtsprojekt des Hünfelder Wigbert- und des Vachaer Seume-Gymnasiums

Eigentlich ist die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten noch gar nicht so lange her. Es war der 3. Oktober 1990, ein knappes Jahr nach dem Mauerfall. Doch wer heute junge Menschen, vor allem die nach 1989 Geborenen fragt, was sie über die beiden deutschen Staaten wissen oder wie es zur Wiedervereinigung gekommen ist, erntet bisweilen unverständliche Blicke oder schlichtes Schulterzucken.
Den Schleier des Unwissens wegreißen und die jüngere deutsche Geschichte der Teilung vor dem Vergessen bewahren, diesem Anliegen ist das Projekt „Grenzspuren“ gewidmet, das von Schülerinnen und Schülern des Vachaer Gottfried-Seume-Gymnasiums und des Hünfelder Wigbertgymnasiums gestaltet wird.
Dabei handelt es sich um ein Jugendbildungsangebot der Volkshochschulen (VHS) des Landkreises Fulda und des Wartburgkreises in Zusammenarbeit mit der Gedenk-, Mahn- und Begegnungsstätte Point Alpha auf der hessisch- und thüringischen Grenze, so Berthold Schwalbach von der Fuldaer VHS.

Die eigene Spurensuche

In der Hünfelder Wigbertschule wurde die Kurzfassung der Projektpräsentation in fünf thematischen Abschnitten dargeboten. Es ging nicht nur darum, die Ergebnisse zu präsentieren.
In dem voll besetzten Klassenraum sollte auch Werbung gemacht werden für ein aktives Mitwirken in der Projektgruppe an der Wigbertschule, denn das Thema soll weiter bearbeitet werden, die Projektlehrer Klaus Mirk dabei betonte.
Schulleiter Alfred Helgert sagte, dass die Schüler als Adressaten der Präsentation wichtiger seien als Politiker, denn auf die jungen Menschen käme es an, sich für ein besseres Verständnis einzusetzen und für das Zusammenwachsen der alten und neuen Länder.
Dazu sei das Erleben von Geschichtsunterricht in einer anderen Form sehr hilfreich, denn dies ermögliche, sich durch eigene Spurensuche die Themen zu erarbeiten und das Leben der Menschen beiderseits der innerdeutschen Grenze während der Teilung nachzuzeichnen, ergänzte Beate Dittmar vom Vachaer Seume-Gymnasium.
Nicht nur während des Unterrichts befassten sich die jungen Leute mit den Aufgabenstellungen. Gemeinsame Vor- und Nachbereitungen – auch außerhalb der regulären Unterrichtszeiten – wurden freiwillig und mit viel Engagement geleistet.
Das Ergebnis ist eine sehenswerte Live-Präsentation, die bei der Vorführung in der Hünfelder Wigbertschule lediglich einen kleinen Ausschnitt des gesamten Projekts wiederspiegelte. Wer mehr sehen und wissen möchte, kann dies zum einen mittels CD-Rom oder DVD tun; aber auch im Internet ist das Projekt zu finden.

www.grenzspuren.de



BEEINDRUCKEND, VERSTÖREND, WICHTIG Thüringisch-hessische Schüler-Projekt-Gruppe reist an Grenz-Stätten in Berlin Ansichten der Teilung


VON JOSEPHINE MÜHLN - STZ 28.10.2006
Kurz nach vier. Ein leises Piepsen reißt mich aus dem Schlaf. Aber es dauert nicht lange, bis mir klar wird, warum ich an diesem Tag früher aufstehen muss als sonst. Das Warten und die Arbeit haben sich gelohnt. Wir, die Gruppen des Projektes "Das Leben vor 1989 beiderseits der Grenze", brechen auf, um vier Tage die Vielseitigkeit Berlins zu entdecken. VACHA/BERLIN - Schon auf der Busfahrt herrscht eine besondere Atmosphäre - Ungeduld, Freude und Aufregung. Was erwartet uns in der Hauptstadt? Wie ist die Herberge? Werden unsere Erwartungen erfüllt? Es heißt sechs Stunden Fahrt abwarten und - in unserem Fall - Kaffee trinken. Am frühen Nachmittag betreten wir dann das "Jugendgästehaus Berlin", unseren Schlafplatz für die nächsten drei Nächte. Nach einem Marathon von Bettenbeziehen und Auspacken und "Wie-sieht-euer-Zimmer-aus-Rufen, machen wir uns auf zur Orientierungsfahrt durch die Stadt.
Ob Fernsehturm, Brandenburger Tor oder Siegessäule, keine Sehenswürdigkeit wird ausgelassen und alle lauschen gespannt den Informationen unseres Tourguides Berthold Schwalbach, Fachbereichsleiter für Gesundheit und Schulabschlüsse der Volkshochschule Fulda und Hauptorganisator der Studienfahrt. Die "Ah"- und "Oh"-Rufe scheinen endlos, so viel Aufregendes hat diese Stadt zu bieten.
Abgerundet wird dieser erste Ausflug mit dem Besuch im "Haus am Checkpoint Charlie", 1962 von Rainer Hildebrandt gegründet. Von diesem Zeitpunkt an wurde das Museum "zu einer Insel der Freiheit im letzten Gebäude direkt vor der Grenze", und nun haben wir, zwölf Schüler aus Thüringen und acht Schüler aus Hessen, die Möglichkeit, diese Insel für uns zu entdecken und zu erfahren, dass der Checkpoint Charlie der bekannteste Grenzübergang zwischen Ost und West war. Hier waren Geflüchtete stets willkommen, wurden unterstützt und es entstanden immer neue Fluchtpläne.
Nach der beeindruckenden Geschichtsdarstellung geht unsere Reise weiter.
Diesmal Richtung Potsdamer Platz, um eine weitere Facette der Hauptstadt zu entdecken - die Arkaden am Potsdamer Platz, voll mit Geschäften, in denen man alles findet, was das (Frauen-)Herz begehrt. Und so schwärmen wir aus, sämtliche Regale von ihren Inhalten zu befreien und die ersten Souvenirs zu erwerben. Zusätzlich dienen die Abendstunden dazu, sich von den politischen Eindrücken des Tages zu erholen und Energie für den kommenden Tag zu schöpfen.
Erste Station am nächsten Tag ist das Reichstagsgebäude. Hier sollen wir an einer einstündigen Plenarsitzung teilnehmen. Nach einigen vielseitigen Sicherheitskontrollen finden wir uns hoch oben wieder, auf den Rängen des Sitzungssaals, unter uns bekannte Abgeordnete, wie Renate Künast, Dr. Hermann Otto Solms (stellvertretender Bundestagspräsident), Frank Walter Steinmeier (Außenminister), Franz Müntefering (Vizekanzler), Franz Josef Jung (Verteidigungsminister) oder auch Jürgen Trittin, Horst Seehofer und Gregor Gysi. Am Ende der Sitzung betritt dann sogar noch Bundeskanzlerin Angela Merkel den Saal und es werden Stimmen laut, sie sei nur wegen uns gekommen. Über diese Tatsache lässt sich jedoch nichts Genaueres erfahren, und so machen wir uns auf zum Gespräch mit den regionalen Abgeordneten Michael Brand (Hessen) und Ernst Kranz (Thüringen). Wir haben die Möglichkeit, mehr über ihre Arbeit als Volksvertreter zu erfahren und verlassen den Raum mit völlig neuen Erkenntnissen zur Gesundheitsreform und zur Müllverbrennungsanlage Heringen, um eine weitere Sehenswürdigkeit kennen zu lernen: die Glaskuppel auf dem Gebäude.
Noch voll und ganz beeindruckt von der phänomenalen Aussicht fahren wir zur "Gedenkstätte Plötzensee", der von 1868 bis 1879 errichteten Strafanstalt vor den Toren Berlins. Ziele des Strafvollzugs waren die Vergeltung, Abschreckung und die "Ausmerzung" angeblich "Minderwertiger". Zahlreiche Menschen verloren hier ihr Leben. 1951 beschloss der Senat von Berlin, in Plötzensee eine Gedenkstätte zu errichten. Seither ist Plötzensee ein Ort der Erinnerung und des stillen Gedenkens an alle Opfer der nationalsozialistischen Diktatur.
Den Rest des Tages verbringen wir am Bahnhof Zoo und jeder kann auf persönliche Art und Weise das Gesehene verarbeiten.
Doch auch der Freitag offenbart neue, meist ungeahnte Seiten der Teilung.
Auf besondere Art und Weise werden uns diese in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen nähergebracht. Durch das ehemalige sowjetische Speziallager und das Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit begleitet uns ein ehemaliger Gefangener, was der Führung einen ganz eigenen, emotionalen Charakter verleiht. Die uns geschilderten Umstände über die Haftbedingungen sind erschütternd und kaum jemand kann sich vorstellen, dass solche Grausamkeiten tatsächlich passiert sein sollen.
Niemand merkt, wie die Zeit verstreicht und schließlich finden wir uns wieder im "Tigerkäfig", der Freiluftzelle, in welcher die Gefangenen ein Stück Freiheit für sich hatten. Verabschiedet werden wir mit den Worten: "Es war keine Arbeit für mich, diese Führung mit euch zu machen, es war mir ein Vergnügen."
Ebenso beeindruckend ist auch die Gedenkstätte Normannenstraße, ehemalige Stasi-Zentrale. Im November 1990 nahm die Forschungsstätte ihren regulären Betrieb auf und seitdem ist das Interesse am Haus stetig gestiegen. Verständlich, denkt man sich, wenn man durch die Räume des Gebäudes geführt wird. Vielseitig und doch nicht überladen lädt das Museum ein auf eine Reise durch Erich Mielkes Arbeitszimmer, Polit-Kitsch aus Stasi-Beständen und Operativtechniken des MfS. Somit bildet die Gedenkstätte einen gelungenen Abschluss der Studienfahrt und voll mit neuen Informationen und ungeahnten Hintergründen der Teilung, aber vor allem mit tollen Erinnerungen fahren wir am Samstag zurück in die Heimat.
Eins wissen wir jetzt noch genauer: Das Projekt war auf keinen Fall Zeitverschwendung, sondern es war wichtig. Wichtig für das Zusammenrücken der Schüler und die länderübergreifende Zusammenarbeit der Schulen. Wichtig für die Zukunft und als Vorbild für weitere Projekte, die dazu dienen, Menschen, und vor allem Jugendliche näher zusammenzubringen und zu zeigen:
"Wo ein Wille ist (etwas zu verändern), ist auch ein Weg."
Josephine Mühln, 17 Jahre, ist Schülerin am Johann-Gottfried-Seume-Gymnasium in Vacha und Mitglied der Point-Alpha-Gruppe "Performance".


ANGEMERKT Wichtige Termine

VON CHRISTOPH WITZEL - STZ 19.09.2006
Wichtige Leute haben stets wichtige Termine. So ist es wohl zu erklären, dass bei der Präsentation des Projekts "Grenzspuren" am Samstag auf Point Alpha manch einer, den man bei einem solchen hochkarätigen und wichtigen Anlass im Publikum vermutet hätte, durch Abwesenheit glänzte. Wo waren eigentlich die Kultusminister Thüringens und Hessens, Jens Goebel und Karin Wolff? Wo war Bernd Woide, der Landrat des Kreises Fulda? Sein Pendant aus dem Wartburgkreis, Reinhard Krebs, verfolgte die gesamte Veranstaltung mit tiefer Betroffenheit und reagierte mit spontanen Worten. Wo war Eberhard Fennel, Bürgermeister von Hünfeld? Der Vachaer Bürgermeister Frank Pach war - wie so häufig - selbstverständlich zugegen. Wo war der für den Wartburgkreis zuständige Bundestagsabgeordnete Ernst Kranz? Der Fuldaer Abgeordnete Michael Brand überzeugte mit einem engagierten Grußwort. Wichtige Termine hinderten manche Damen und Herren sicherlich, an einer
Veranstaltung teilzunehmen, bei der Schülerinnen und Schüler aus Vacha und Hünfeld in faszinierender und ganz souveräner Art und Weise ein bundesweit einzigartiges Langzeitprojekt vorstellten. Diejenigen, die das miterlebten, waren beeindruckt, begeistert, mitgenommen. Diejenigen, die nicht da waren, haben etwas verpasst. Aber sie hatten, wie gesagt, bestimmt wichtige Termine. Und haben bestimmt irgendwo ungeheuer wichtige und staatstragende Reden gehalten. So war das. Ganz bestimmt.


GRENZSPUREN "Es war bewegend und hat betroffen gemacht"

UTE WEILBACH - STZ 19.09.2006
Schüler des Seume-Gymnasiums Vacha und des Wigbert-Gymnasiums Hünfeld sind für den deutschen Einheitspreis vorgeschlagen. Zu Recht, denn die Präsentation der Ergebnisse des Projektes "Grenzspuren" in der Gedenkstätte Point Alpha hat alle tief bewegt.

GEISA/RASDORF - Für Landrat Reinhard Krebs (parteilos) war die Darstellung der Schüler "beklemmend, aber hoffnungsvoll". Ihn habe die Leistung tief beeindruckt, "die Geschichte wurde auf den Punkt gebracht." Obwohl die Schüler erst nach der Wiedervereinigung geboren wurden, haben sie die Zeit vor 1989 auf der Grundlage einer sauberen und fleißigen Recherche "sehr gut rübergebracht". Die Gedenkstätte Point Alpha, wo den Besuchern mit Mauer, Stacheldraht und Selbstschussanlagen das mörderische System vor Augen geführt werde, habe mit dem Projekt eine Bereicherung erfahren. "Die Schüler haben den Alltag dargestellt, so die Einkaufssituation in den Grenzdörfern. Sie zeigten diese kleinen Repressalien, unter denen die Menschen zu leiden hatten." Er kenne wenige Beispiele, wo es so gut gelungen sei, mit
Alltagsgeschichten eine solche Betroffenheit zu erzeugen. Über dieses Projekt müsse weiter geredet werden, es dürfe nicht in Vergessenheit geraten. Deshalb sieht Reinhard Krebs in den Schülern auch würdige Anwärter für den deutschen Einheitspreis. Gerade über diesen Preis müsse es gelingen, dass über das Projekt auch in zehn Jahren noch geredet werde.
Schulrätin Bärbel Dix ist die Performance zu den geschleiften Höfen am Ende der Veranstaltung tief im Gedächtnis haften geblieben. Was Schüler dort mit Sprache und Gestik geleistet haben, sei sehr beeindruckend. Die Atmosphäre habe etwas Bedrückendes angenommen. Bärbel Dix wünscht sich, dass etwas für die Nachhaltigkeit dieses Projektes getan werde. Wenige Minuten nach Ende der Veranstaltung habe sie sich gewünscht, dass diese Schüler jetzt von Schule zu Schule ziehen, um das Projekt vorzustellen. Sie wisse, dass das nicht möglich sei, der Aufwand sei nicht zu leisten, vor allem nicht für die Schüler , die kurz vor dem Abitur stehen. Doch mit der DVD sollte gearbeitet werden.
Vachas Bürgermeister Frank Pach (SPD) ist noch am Montag berührt. Er bedauert, dass wegen der langen Grußworte für die eigentlichen Akteure so wenig Zeit blieb. Die Momentaufnahmen des Alltags in der DDR, zum Beispiel die Szene im Dorfkonsum, habe mit einfachen Mitteln eindrucksvoll gezeigt, wie es war. "Die Zuschauer sahen sich mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert." Das habe nachdenklich gestimmt und gerade die Aussagen der Zeitzeugen hätten tief berührt. "Die Situation war so ergreifend, dass es ganz still wurde." Die Szenen waren so gut gespielt, "wenn es einer der Zeitzeugen nicht ertragen hätte, hätte ich Verständnis gehabt". (wei)


PROJEKT Feierstunde auf Point Alpha mit zahlreichen Ehrengästen / Für deutschen Einheitspreis vorgeschlagen
Auf Spurensuche im Grenzgebiet


VON THOMAS KLEMM - STZ 18.09.2006
Ein Jahr lang hatten sich Schüler des Seume-Gymnasiums Vacha und des Wigbert-Gymnasiums Hünfeld in die Geschichte des geteilten Deutschland vertieft, mit Zeitzeugen gesprochen und umfangreiche Materialien zusammengetragen.
GEISA/RASDORF - Durch diese Projektarbeit entstand eine Dokumentation, die nicht nur das Interesse an dieser Epoche wecken soll, sondern auch eines Sonderpreises würdig ist. "Da es sich hierbei um ein bislang einzigartiges grenzübergreifendens und Grenzen überwindendes Projekt handelt, das gegen das Vergessen steht und in die Zukunft gerichtet ist, um Verständnis füreinander zu wecken und zum wechselseitigen Verstehen zwischen Ost und West beitragen will, hat Minister Goebel dieses Projekt für den deutschen Einheitspreis 2006 der Bundeszentrale für politische Bildung vorgeschlagen."

Diese Botschaft des Thüringers Kultusministers Prof. Jens Goebel verkündete der Erfurter Staatssekretär Kjell Eberhardt während der Feier zur Abschlusspräsentation des Modellprojekts am Samstag auf Point Alpha. "Nun hoffen wir natürlich mit allen Beteiligten, dass die Jury, die in diesem Monat über die Auswahl der Preisträger 2006 entscheidet, dem Vorschlag von Minister Goebel folgt und Sie die Auszeichnung im Rahmen der offiziellen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Kiel entgegennehmen können."
Das Ansinnen, die Schüler für ihre Spurensuche im Grenzgebiet besonders zu würdigen, wird aber nicht nur von Thüringer Seite unterstützt, sondern auch von hessischer. "Auch ich haben dieses Projekt für die Auszeichnung am 3. Oktober vorgeschlagen", betonte der Fuldaer Bundestagsabgeordnete Michael Brand (CDU) in seinem Grußwort. Die Ergebnisse der Dokumentation sollten aber nicht nur von offizieller Seite gewürdigt werden, sondern vor allem dazu dienen, den Kindern und Jugendlichen im Schulunterricht und bei anderen Gelegenheiten die Hintergründe der deutschen Teilung und der Wiedervereinigung näher zu bringen.
"Geschichte so zu erleben, wie Sie es getan haben, also Zeitzeugen zu befragen und als Grenzgänger auf Spurensuche zu gehen, ist sicher sehr viel nachhaltiger und interessanter, als sie aus Lehrbüchern zu erfahren", war sich der Vertreter des hessischen Kultusministeriums, Ministerialdirigent Dr. Heinrich Berthold sicher. Die von den Jugendlichen zusammengetragenen Materialien sollten nun genutzt werden, um den Geschichtsunterricht über die Zeit der deutschen Teilung facettenreicher gestalten zu können. "Ich gehöre als Kulturstaatssekretär sicher nicht zu denen, die das Wort vom grauen Schulalltag aufwärmen wollen", pflichtete ihm sein Thüringer Kollege zu. "So grau sind unsere Schulen und ist auch der Unterricht nicht. Aber zusätzliche Farben, ergänzende Ansichten und Eindrücke beleben den Unterricht immer."
Bisher werde das Thema der deutschen Teilung und Wiedervereinigung in den Schulen in Hessen wie Thüringen nicht oder kaum behandelt. "Ich halte das für ein Versäumnis", meinte Berthold Schwalbach, Fachbereichsleiter der Volkshochschule Fulda und einer der Leiter des Modellpojektes "Das Leben von 1989 beiderseits der Grenze". Deshalb sei es umso wichtiger gewesen, dass sich Schüler des Gymnasium aus Vacha und Hünfeld diesem Thema genähert haben. "Die Jugendlichen hatten den Vorteil, dass sie die Teilung selbst nicht erlebt haben. Sie sind erst in der Zeit der Wiedervereinigung geboren. Das kam sicher dem Projekt zugute, da sie selbst unvorbelastet und mit einer gewissen Distanz mit der Arbeit beginnen konnten", so Schwalbach. Die Sache kam ins Rollen, weil Schüler interessiert an der DDR-Geschichte waren und wissen wollten, wie der Alltag östlich und westlich der innerdeutschen Grenze tatsächlich abgelaufen ist, erklärte Projektleiter Eberhard Zickler von der Volkshochschule Wartburgkreis. Finanziell gefördert vom Deutschen Volkshochschulverband Bonn begannen die Jugendlichen vor zwölf Monaten beiderseits der ehemaligen Grenze mit der Suche nach Zeitzeugen und Dokumenten. "Je mehr sie jedoch recherchierten und mit Zeitzeugen über deren Erfahrungen und Erlebnisse gesprochen haben, umso mehr wich diese Unbefangenheit und wurde zur Anteilnahme, zur Betroffenheit bis hin zum Unverständnis über das, wozu Menschen fähig sind." Das wurde während der Abschlusspräsentation auf Point Alpha noch einmal sehr augenfällig. Moderiert von Berthold Dücker, dem Vorstandsvorsitzenden des Grenzmuseums Point Alpha, präsentierten die Schüler aus Thüringen und Hessen in fünf Arbeitsgruppen die Ergebnisse ihrer Spurensuche. Besonders die "Performance", das Kammertheaterstück über die Aussiedlung aus dem Sperrgebiet, vorgetragen von Sarah Hoßfeld, Kristin Freiwald, Anne Mirsch, Josephine Mühln und Kathrin Züchner aus dem Vachaer Gymnasium, bewegte die Gäste der Feierstunde. Aber auch die Präsentationen der anderen vier Arbeitsgruppen über "Fluchten und Grenzsicherung" (Matthias Abel, Andreas Schuchert, Benjamin Kenzler und Christopher Kiesler), über den "Alltag im Sperrgebiet" (Anika Fischer, Juliane Fischer und Theresia Leister), über die "Geschleiften Höfe" (Anna Hahner, Natalie Hahner, Pia Sauer und Therese Mews) sowie über die Ergebnisse der Recherche "Wir im Westen" (Lukas Henkel, Florian Hohmeister und Marcel Sieber) ließen die Zuhörer nicht unberührt. Sehr emotional reagierten die Zeitzeugen, die am Schluss der Veranstaltung von Schülern die DVD mit den Ergebnissen der Spurensuche überreicht bekamen. Unter ihnen war beispielsweise Marie-Luise Tröbs, die als Zehnjährige die Zwangaussiedlung selbst miterleben musste, und die noch heute von den Erinnerungen an dieses schreckliche Erlebnis überwältig wird. Gemeinsam mit ihrem Vater Georg Wagner, dem Präsidenten des Bundes der in der DDR Zwangsausgesiedelten, gehörte sie während der Feierstunde auf Point Alpha zu den zahlreichen Ehrengästen. Die DVD, die zu der vielleicht bald preisgekrönten Dokumentation des Modellprojektes "Grenzspuren" gehört, war allerdings nicht nur als Geschenk an die Zeitzeugen gedacht, sondern dient der weiteren nachhaltigen Geschichtsaufarbeitung. Als Teil des "Medienkoffers" steht sie interessierten Schulen, Vereinen und Gruppen zur Verfügung. Außerdem kann man im Internet unter www.grenzspuren.de in den Fußstapfen der Jugendlichen wandeln.


Einmaliges Projekt zum Leben an der Grenze hat bereits viele bemerkenswerte Ergebnisse gebracht
Teilweise war's Gänsehaut pur
  
von Christoph Witzel (STZ 16.05.2006)
Die Antwort kommt im einstimmigen Chor und wie aus der Pistole geschossen: „Ja!“ Beate Dittmar und Rainer Rothe vom Johann-Gottfried-Seume-Gymnasium in Vacha und Klaus Mirk vom Wigbertgymnasium in Hünfeld sind sich einig: An dem Modell-Projekt „Das Leben vor 1989 beiderseits der Grenze“ würden sie sich sofort noch einmal beteiligen.

GEISA/RASDORF – Seit dem vergangenen Herbst begleiten die drei Pädagogen insgesamt 20 Schüler ihrer beiden Gymnasien auf einer einzigartigen Spurensuche.

Die Volkshochschulen des Wartburgkreises und des Landkreises Fulda haben die Jugendlichen – mit Förderung des Deutschen Volkshochschulverbandes und in Kooperation mit dem Grenzmuseum Rhön Point Alpha – dazu aufgerufen, dieses Leben zu erkunden. Das Leben diesseits und jenseits des Todesstreifens, der hier, in ihrer Heimat, in der Rhön zwischen Thüringen und Hessen, jahrzehntelang ihre Eltern und Großeltern voneinander trennte, bis im Herbst 1989 eine friedliche Revolution diese Grenze wegfegte – und ein gemeinsames und freies neues Leben ermöglichte.

Viele Ergebnisse ihrer Spurensuche, die noch bis in den Sommer hinein fortgesetzt werden soll, sind bereits jetzt jedermann zugänglich: Das Internet-Portal www.grenzspuren.de versammelt unter anderem Interviews, Fotos, Aufsätze der Schülerinnen und Schüler. Es ist in kurzer Zeit zu einer wahren Schatzkammer angewachsen. „Die Jugendlichen sind unheimlich fleißig“, erzählt Beate Dittmar. Regelmäßige Wochenendseminare auf Point Alpha, Arbeiten in der Schule, Engagement aber auch in der Freizeit: „Dass der Rahmen dessen, was hier erarbeitet wird, so groß werden würde, haben wir am Anfang noch nicht gesehen.“ Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt in Gesprächen mit Zeitzeugen, die dokumentiert und ausgewertet werden. Die Suhler Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde haben die Jungen und Mädchen besucht, sich mit Zwangsaussiedlung, geschleiften Höfen, Flucht, dem Bildungssystem der DDR, der Friedensbewegung im Westen und etlichem mehr intensiv beschäftigt.

Die Arbeiten sollen nun zunächst auf CD (Text und Fotos) und DVD (Videos) versammelt und bundesweit vertrieben werden – besonders als Unterrichtsmaterial für Schulen dürften die Projekt-Ergebnisse hervorragend geeignet sein. Am 16. September dann werden alle Beteiligten „Das Leben vor 1989 beiderseits der Grenze“ der Öffentlichkeit auf Point Alpha präsentieren. Auch ein von der Vachaer Schülerin Sarah Hoßfeld geschriebenes Theaterstück zum Thema Zwangsaussiedlung wird dann uraufgeführt werden; eine Gruppe von Jugendlichen probiert dieses Stück gerade mit den Theaterpädagogen Friederike und Oliver Nedelmann aus Rödermark. Und das wirklich beeindruckende Internet-Portal (das bereits jetzt über 1000 Zugriffe monatlich verzeichnet) soll, so hofft Beate Dittmar, auch über das Projektende hinaus bestehen bleiben: „Vielleicht können auch andere Schulen dann daran weiterarbeiten.“

Dass zu Beginn von hessischen Schulen zunächst kein Interesse an einer Mitarbeit bestand, hat sich bald geändert. Fünf – wie ihr Lehrer Klaus Mirk sagt: „sehr engagierte“ – Schülerinnen der zehnten und zwölften Klasse, die übrigens alle aus Nüsttal-Rimmels stammen, sind seit November mit von der Partie und beleuchten das Leben an der Grenze aus westlicher Sicht. Eine Grenze in den Köpfen der Jugendlichen gibt es ohnehin nicht, sagen die Lehrer. Wieso auch? Man habe allerdings viel voneinander gelernt. „Viel vom täglichen Leben“, sagt Beate Dittmar, „denn vieles hat man doch nicht voneinander gewusst.“ Die Jugendlichen, die zum Abschluss des Projekts eine gemeinsame Berlin-Fahrt unternehmen werden, würden das, was sie in diesem Jahr erlebt und gelernt haben, bestimmt niemals vergessen, glaubt die Lehrerin. „Die Begegnungen mit den Zeitzeugen, manchmal weinende Menschen, das hat uns alle sehr bewegt. Auch für uns Lehrer war das teilweise Gänsehaut pur.“ Und deshalb sind sie sich einig, dass sie das Ganze sofort noch einmal machen würden: „Ohne Wenn und Aber.“



„Kein Schlapphut-Klischee“


Unter den achtzig Zuhörern beim Vortrag über die Stasi-Vergangenheit einiger Bad Salzunger waren auch die drei Vachaer Gymnasiasten. FOTO: T. KLEMM

von Thomas Klemm (Freies Wort 09.03.2006)
Anika, Matthias und Benjamin schrieben fleißig mit. Die Jugendlichen aus dem Geisaer Amt arbeiten mit anderen Schülern des Vachaer und Hünfelder Gymnasiums an der Aufarbeitung der Grenzgeschichte beiderseits des Eisernen Vorhangs und wollen ihr Projekt im September auf Point Alpha vorstellen.
BAD SALZUNGEN – Anika Fischer, Matthias Abel, Benjamin Kenzler und ihre Lehrerin Beate Dittmar waren vier von etwa 80 Zuhörern, die sich am Dienstagabend im Bad Salzunger Gymnasium spannende Details erhofften. Der Titel des Vortrages „Spione aus Bad Salzungen, DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland“ ließ das jedenfalls erwarten.
Mit Helmut Müller-Enbergs war ein Kenner der Materie gekommen, um einen Einblick in dieses Kapitel deutsch-deutscher Geschichte zu geben. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Birthler-Behörde zur Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen hat Einblick in die so genannten Rosenholz-Dateien und beschäftigt sich intensiv mit Stasi-Verflechtungen im ehemaligen Bezirk Suhl. Wie gut er sich inzwischen auskennt, ließ er an vielen Beispielen erkennen. Nur, die Bad Salzunger Spione waren eben keine großen Lichter, ihr geliefertes „Material“ blieb durchschnittlich. Deshalb gab es darüber auch nicht allzu viel zu erzählen. „Das Bild von Spionage ist ein anderes, als manchmal glauben gemacht wird. Es ist zum Teil grausamer, aber oft auch viel banaler, als man meinen müsste. Das war auch in Bad Salzungen so.“
Wer sich detaillierte Aussagen über die Biografien der Bad Salzunger Spione der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) erhoffte, wurde enttäuscht. Die Hinweise, die Müller-Enbergs in seinem Vortrag auf die fünf Frauen und Männer aus dem Altkreis gab, die für die Stasi tatsächlich in der BRD nachrichtendienstlich tätig waren, konnten nur von einigen älteren Zuhörern gedeutet werden. Alle anderen Gäste mussten sich mit den Decknamen und Schlaglichtern auf das Leben dieser Menschen begnügen. Da schnüffelte etwa ein Kaltennordheimer, Jahrgang 1928, im Tachometerwerk Frankfurt/Main und ein „Felix“ aus Langenfeld besorgte in Heidelberg mehr oder weniger interessante Informationen. Eine IM „Regina“ war in Schwerte tätig und ein Völkershäuser, Jahrgang 1959, ging 1983 im Auftrag der Staatssicherheit in die Bundesrepublik.
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„Maler“ und die Rotlicht-Chefin
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Im Raum Bad Salzungen selbst muss es weitere 155 HVA-Mitarbeiter gegeben haben, davon 40 mit Westkontakten. Die meisten von ihnen habe man bis heute nicht enttarnen können, weil in den turbulenten Zeiten nach dem Mauerfall viele Akten der HVA vernichtet worden sind.
Manche Spionage-Karrieren wiederum sind detailreich bekannt. Wie die des IM „Maler“ aus Bad Salzungen. Der Mann, Jahrgang 1924, war dem schönen Geschlecht alles andere als abgeneigt und hatte genug Charme, an sein Ziel zu gelangen. Von der Stasi wurde er „als Romeo“ nach Bayern gesandt, um Infos über den SPD-Vorstand zu erlangen. Dem „Maler“ gelang es sogar, die Chefin eines Münchener Rotlicht-Etablissements zu becircen. Die Einrichtung lag sinnigerweise genau gegenüber der SPD-Landesgeschäftsstelle.
Die Rotlicht-Chefin wollte später mit „Maler“ durchbrennen. Doch der wollte nicht und kehrte, wie übrigens einige andere Spione vor oder nach der Wende, in die alte Heimat zurück. Hier sollte er im Auftrag der Stasi eine Gartenlaube in ein Häuschen für den besonderen Anspruch herrichten und mit „fotografischen Einrichtungsgegenständen“ ausstatten. „Aber genau an dieser Stelle, als es interessant zu werden beginnt, bricht die Akte ab“, bedauerte Müller-Enbergs.
Nach neunzig Minuten brach der Mitarbeiter der Birthler-Behörde seinen Vortrag ab. Er hätte sicher noch viel mehr erzählen können über die Spitzel und über die Top Ten unter ihnen. Zum Beispiel über den Führungsoffizier aus Suhl, der auch eine „Gitta“ aus Kaltennordheim anleitete, die 1957 in die Bundesrepublik übersiedelte und als Sekretärin im Bonner SPD-Verlag „Vorwärts“ arbeitete. Der Führungsoffizier selbst startete (als Doppelgänger eines Bundesbürgers) eine stasi-gelenkte Karriere in der deutsch-amerikanischen Firma Schenker und schaffte sogar den Sprung in die amerikanische Schenker-Führungsetage. Als er später vom Verfassungsschutz enttarnt wurde, packte er aus und ließ „Gitta“ über die Klinge springen.
„Er hatte aber nicht nur diese eine Quelle, sondern neun, die bis 1989 für ihn gearbeitet haben“, staunte der Birthler-Mitarbeiter. Das sei nur ein Beispiel, wie stark die Verflechtungen der Stasi und der anderen Organe wie etwa das Ministerium des Innern und der Verteidigung waren. „Es gibt bis heute nichts Vergleichbares, noch nicht einmal in Albanien oder China.“
Diesen Verflechtungen will der Westfale weiterhin nachgehen. Er hofft, damit das Bild der Spionagetätigkeit geraderücken zu helfen, „weg von diesem Schlapphut-Klischee“. Seine Vorträge nutzt er, um auch mit ehemaligen Nachrichtendienstlern ins Gespräch zu kommen. Seine Erkenntnisse will er allerdings nur
wissenschaftlich verwerten. Das wollen die drei Schüler aus Vacha auch.



Klischee vom Agenten ist Schrott


Aufmerksam verfolgen die Zuhörer den Vortrag zu den Stasiagenten. FOTO: HEIKO MATZ

von Ute Weilbach (STZ 09.03.2006)
BAD SALZUNGEN – „Da war einmal eine Oberschwester, eifriges Mitglied der SED. Sie verschwand über Nacht. Danach habe ich im Radio gehört, dass sie als Agentin in der BRD gearbeitet hat. Kennen Sie die Geschichte?“, fragt Dr. Dietrich Graichen aus Bad Salzungen nach dem Vortrag.
„Jetzt sind Sie mir zu dicht am Klarnamen dran“, antwortet Helmut Müller-Enbergs, Leiter der Forschungsgruppe Rosenholz der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.
Müller-Enbergs macht den Versuch, den Zuhörern in der gut besuchten Aula des Dr.-Sulzberger -Gymnasiums in Bad Salzungen, die nachrichtendienstliche Tätigkeit der Agenten der Hauptverwaltung A (HVA) in Suhl, die der Abteilung von Stasiagentenchef Markus Wolf nachgeordnet war, zu beschreiben. Er möchte nicht enthüllen und nennt keine Klarnamen. Sein Vortrag, der mit Zahlen gespickt ist, lebt von den Alltagsepisoden der Agenten, die Müller-Enbergs in den Akten gefunden hat. Der Wissenschaftler möchte auf der Grundlage seiner Forschungen „das Klischee vom Agenten abbauen und den Alltag dieser Menschen beschreiben“.
Seit 1989 beschäftigt er sich unter anderem mit der HVA Suhl. 4000 Personen wurden in der Rosenholz-Datei (lange Zeit in amerikanischer Hand) gefunden. Diese Personen standen mit der HVA Suhl in Verbindung. 2800 Fälle seien bisher rekonstruiert, an 1200 werde noch gearbeitet. Doch die Aufarbeitung sei schwierig. Am schlechtesten komme er in Bad Salzungen voran. Deshalb habe er sich unter anderem zu diesem Vortrag entschlossen. Er möchte Menschen, die nachrichtendienstlich tätig waren oder Erfahrungen mit Nachrichtendiensten gesammelt haben, animieren, sich bei ihm zu melden. Selbstverständlich werde Anonymität zugesichert.
Die HVA Suhl selbst hatte 48 hauptamtliche Mitarbeiter und fünf Referate sowie 397 informelle Mitarbeiter (IM). Von den IM waren 30 in der Volksbildung (24 Lehrer) tätig. Weiter wurden 23 Reisekader geführt. 32 IM waren vorbestraft. Platziert waren diese IM auch in den Parteien, beispielsweise gab es 16 in der CDU. Es gab sogar zwei minderjährige Agenten.


52 Spione aus Salzungen
Von den 4000 Personen, die in Suhl geführt wurden, sind 119 in Bad Salzungen geboren.
Aktiv nachrichtendienstlich tätig gewesen seien, so Müller-Enbergs, 155 Personen, darunter 52 aus Bad Salzungen, 18 aus Vacha, 4 aus Stadtlengsfeld, 16 aus Bad Liebenstein, 3 aus Unterbreizbach, 2 aus Geisa und je ein Agent arbeitete in Gehaus, Ketten und Borsch.
Der Durchschnittsagent arbeitete 10 bis 30 Jahre. Zehn Prozent der in Suhl tätigen Spione arbeiteten über zehn Jahre. Fünf Prozent waren über 40 Jahre alt. Es gab auch neun über 80-jährige Agenten, die zum Teil sogar noch als Kurier eingesetzt wurden. Das Besondere an den Stasiagenten war, so Müller-Enbergs, dass zwei Drittel von ihnen für die Idee des Sozialismus arbeiteten, nur 27 Prozent hatten materielle Motive. Vier Prozent der Agenten wussten gar nicht, dass sie für die Stasi tätig waren. Sie wähnten sich in dem Glauben, für amerikanische, britische oder französische Geheimdienste zu arbeiten.
2.Platz in Militärspionage
Die HVA Suhl hatte, so Müller-Enbergs, immer die „rote Laterne“, hinkte also immer hinterher. Spektakulär sei nur, dass Bad Salzungen den zweiten Platz in der Militärspionage einnahm. Und das hänge mit einem Mann mit dem Decknamen Jochen zusammen. Dieser Jochen sei 1965 mit einem Koffer bei der MfS-Kreisdienststelle aufgetaucht. Er sei ein NPD-Funktionär aus Würzburg gewesen. Lange Zeit habe die Stasi geglaubt, der Mann sei eine Falle. Doch nachdem klar war, dass er es ehrlich meinte mit seiner Zusammenarbeit, habe Jochen massenweise Unterlagen, beispielsweise Mitgliederlisten der NPD, geliefert. Und auch eine Menge Quellen aufgetan, beispielsweise zwei Studenten, die später in Rüstungskonzernen tätig waren und bis 1989 Unterlagen über die gesamte Rüstungsforschung der BRD an die Stasi lieferten. Der Agent Jochen wurde später nach Berlin abgezogen, was die Führungsoffiziere in Suhl nur schlecht verkraften konnten, berichtet Müller-Enbergs.
Unter die Top-Ten der Stasi-Agenten gelangte kein Bad Salzunger. Die Stasi arbeitet nach dem Massenprinzip: „Sie musste sehr viel Sand sieben, um ein Juwel zu finden.“ So habe die Staatssicherheit alle Nachrichten in einer Notenskala von 1 bis 5 bewertet. Selbst Günter Guillaume, der Stasispitzel, der Bundeskanzler Willy Brandt mit zu Fall brachte, sei von der Stasi nur mittelmäßig eingestuft worden und habe noch nicht einmal einen Platz unter den ersten 50 der besten Agenten gefunden.
Unter den Agenten der HVA Suhl waren auch fünf Bundesbürger. Eine Frau mit Decknamen Gitta, 1931 in Kaltennordheim geboren. Sie sei 1957 in die BRD übergesiedelt und sei dort als Sekretärin bis in den SPD-Verlag „Neuer Vorwärts“ eingedrungen.
Ebenfalls übergesiedelt und für die HVA gearbeitet habe ein Mann aus Völkershausen oder ein Mann mit dem Decknamen Felix aus Langenfeld.
Wie Müller-Enbergs berichtet, war das Ziel der Stasi, alle Westkontakte unter Kontrolle zu halten. Deshalb wurde mit einem großen Aufwand jeder Westkontakt ausgewertet, inwieweit er nachrichtendienstlich interessant sein könnte.
Spiel mit zwei IM
Dabei bediente sich die Stasi teilweise spielerischer Methoden. So erzählte Müller-Enbergs eine Begebenheit aus eine Tanzcafé in Bad Salzungen, als die Stasi zwei IM aufeinander hetzte. Um zu überprüfen, ob sie nachrichtendienstlich ehrlich waren, sollte IM Sperber mit IM Traudel in diesem Café anbändeln. Dabei gab es für beide Seiten genaue Instruktionen. Traudel sollte zuerst zurückhaltend sein, aber dann ihre weiblichen Reize auf der Tanzfläche voll entfalten. IM Sperber sollte den Blickkontakt aufnehmen und sein Interesse bekunden. Der Bericht sei auf Tonband erhalten, leider sei das Ergebnis nicht im Sinne der Stasi gewesen, denn IM Sperber habe sich nicht an die Anweisungen gehalten und keinen Kontakt mit Traudel aufgenommen.


Agent Kunstmaler
1924 in Bad Salzungen geboren ist der Agent „Kunstmaler“, der nach der Stasibeschreibung ehrlich und aufgeschlossen war, aber die Frauen über alles liebte. Er sollte als Romeo aufgebaut werden und den SPD-Landesvorstand in Bayern ausspionieren. Doch verliebte sich Romeo in die Chefin eines Bordells in München, welches genau gegenüber vom SPD-Landesvorstand lag. „Kunstmaler“ schlug deshalb vor, die SPD-Genossen im Puff auszuspionieren. Dazu war die Stasi in Suhl denn doch zu prüde und man holte „Kunstmaler“ zurück. Man griff aber hier in Bad Salzungen seine Idee auf und rüstete ein Wochenendhaus zu einem intimen Treffpunkt aus. Dort sollten einflussreiche Leute kompromittierend fotografiert werden. Ob das gelang, konnte Müller-Enbergs nicht sagen. Denn gerade an dieser Stelle brach die Akte ab.
Als Double in die USA
Interessant auch die Geschichte eines Führungsoffiziers aus Suhl, der lange Jahre dafür aufgebaut wurde, in den Mittelstand der USA einzuheiraten. Zuerst wurde ein Doppelgänger in der BRD gesucht. Der wurde nach dem Juliaprinzip (eine Agentin umgarnte den Mann so lange, bis er heiß verliebt in die DDR übersiedelte) in die DDR gelockt. Danach nahm der Führungsoffizier die Identität dieses Mannes an und wurde über die Firma Schenker (Spedition) in die USA eingeschleust. Doch dort hörte der Führungsoffizier nicht und heiratete eine mittellose Schwarze.
Der Bundesverfassungsschutz, der von der gestohlenen Identität Wind bekam, lockte den Führungsoffizier unter einem Vorwand in die BRD und verhaftetet ihn. Ihm wurde die Freiheit versprochen, falls er alle Agenten, die er aufgebaut hatte, nennen würde. Der Suhler opferte nur eine Agentin, nämlich „Gitta“ aus Kaltennordheim, die beim „Neuen Vorwärts“ spionierte. Alle anderen acht Topagenten nannte er nicht. Er war frei und seine Agenten arbeiteten bis 1989 munter weiter, erzählte Helmut Müller-Enbergs.




"Wir wollen mehr darüber erfahren"

Wie sich Schülerinnen und Schüler an das Thema der deutsch-deutschen Grenze annähern


von Christoph Witzel (STZ - 20.10.2005)
Ein herrlicher Herbststag, auch hier, an diesem doch eigentlich bedrückenden Ort: Das Grenzmuseum Point Alpha zwischen Geisa und Rasdorf, wo sich während des Kalten Krieges Amerikaner und Sowjets Aug in Aug gegenüberstanden, an einem sonnigen Vormittag im Oktober. Viele Besucher aus ganz Deutschland sind heute hierher gekommen. Etliche von ihnen werden nicht nur schauen, sondern auch Auskunft geben. 15 Schülerinnen und Schüler sind nämlich als Interviewer unterwegs.

Geisa/Rasdorf - Warum sind Sie hier? Was beeindruckt Sie am meisten? Woher kommen Sie? Wie haben Sie die deutsch-deutsche Grenze damals erlebt? So in etwa lauten die Fragen, auf die die Jugendlichen höchst unterschiedlich, zumeist sehr interessante Antworten erhalten. Sie sind ein guter Einstieg in ein groß angelegtes Projekt - und auch, wenn man nachher feststellen muss, dass die Interviews zwar im Bild festgehalten worden sind, aber aus unerfindlichen Gründen der Ton fehlt, ist das ärgerlich, aber nicht tragisch. Die Jungen und Mädchen haben zumindest Routine gewonnen und werden einfach noch einmal Besucher des Grenzmuseums befragen.
"Das Leben vor 1989 beiderseits der Grenze" - so lautet der Titel dieses Projekts, das die Volkshochschulen des Wartburgkreises und des Landkreises Fulda führen, und das unter anderem durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziell gefördert wird. Jugendliche aus Thüringen und aus Hessen erkunden dabei ein Jahr lang außerhalb des Unterrichts, wie es denn war, das Leben an dieser Grenze, die Deutschland vier Jahrzehnte lang trennte, bis sie mutige DDR-Bürger im Herbst 1989 mit friedlichem Widerstand einrissen.
Die Schülerinnen und Schüler besuchen die zehnte und elfte Klasse des Johann-Gottfried-Seume-Gymnasiums Vacha. Zwölf von Ihnen stammen aus Thüringen, drei aus dem hessischen Philippsthal. Aus Schulen aus dem Landkreis Fulda war bis zu diesem Vormittag auf Point Alpha kein Schüler dazu zu bewegen, an dem in Deutschland einzigartigen Projekt teilzunehmen. "Es kommt wohl darauf an, welche Rolle das Thema in der eigenen Familie spielt", glaubt Josephine Mühln aus Stadtlengsfeld, "wahrscheinlich ist das Interesse bei Menschen in der ehemaligen DDR größer." Vielleicht ist das wirklich so. Und ein ganz praktischer Grund kommt auch noch dazu: Die Thüringer Schüler können die Ergebnisse des Projekts voraussichtlich für Jahres-Facharbeiten nutzen, die Hessen weniger...
Trotzdem: Sind die "Wessis" ignorant diesem wichtigen Kapitel der jüngsten deutschen Geschichte gegenüber? Ein paar Tage später kommt Entwarnung: Ellen Kringstad vom Grenzmuseum Point Alpha, die das Projekt tatkräftig begleitet, erzählt, dass mindestens fünf Jugendliche des Hünfelder Wigbertgymnasiums ab sofort mitmachen wollen. Na also.
In einer ganzen Reihe von Wochenendseminaren, an denen auch Eberhard Zickler von der Volkshochschule des Wartburgkreises und sein Kollege Berthold Schwalbach vom Landkreis Fulda teilnehmen, nähern sich die Schüler der umfangreichen Problematik. Und sie sind mit großem Engagement dabei. "Wir saßen letzte Nacht bis ein Uhr zusammen", erzählt Beate Dittmar, die neben Rainer Rothe aus dem Kollegium des Vachaer Gymnasiums die Schüler begleitet, "und wir haben eigentlich nur zum Thema gesprochen."
Zunächst standen eine Projekteinführung und Interviewtechniken auf dem Programm. Die Jugendlichen haben Material gesammelt und sind auf der Suche nach Gesprächspartnern. Sie gehen dabei systematisch vor, daneben aber auch spontan auf gut Glück. in Wiesenfeld treffen sie auf die Familie Hohmann, die am 3. Oktober 1961 ganz kurzfristig ihren Hof räumen musste, den dann der in der DDR zum Volkshelden stilisierte Grenztruppen-Offizier Rudi Arnstadt bezog. Erst 1995 konnten die Hohmanns zurückkehren - und jetzt stehen sie den Schülerinnen und Schülern des VHS-Projektes zur Verfügung. Auch mit dem Erfurter Caritas-Direktor und Domkapitular Bruno Heller, der aus dem später geschleiften Seeleshof in der Rhön stammt, will die Gruppe einen Termin machen. Die Erfurter Dependance der Birthler-Behörde hat sich schon zur Zusammenarbeit bereit erklärt, weitere Schwerpunkte sollen sich aus der Arbeit heraus ergeben.
Geplant sind auch ein Theaterprojekt, bei dem die Theaterpädagogen Friederike und Oliver Nedelmann die Schülerinnen und Schüler unterstützen werden. Und Andreas Mihm vom Medienzentrum Hünfeld hat im Internet bereits die Seite www.grenzspuren.de registriert, auf der die Arbeitsergebnisse fortlaufend präsentiert werden. Ein Höhepunkt des Projekts dürfte eine viertägige Berlin-Reise im Oktober kommenden Jahres sein, während der unter anderem der Reichstag und ehemalige Stasi-Objekte besucht werden sollen.
Was motiviert die Jugendlichen zu einem doch nicht unerheblichen Arbeitsaufwand in ihrer Freizeit? Juliane Fischer aus Geismar sagt: "Wir leben ja hier unmittelbar an der ehemaligen Grenze. Und was uns unsere Großeltern und Verwandten erzählen darüber, das hat und neugierig gemacht. Wir wollen mehr darüber erfahren." Sarah Hoßfeld aus Stadtlengsfeld möchte - vor allem auch durch das Theaterprojekt - die Geschichte auch für andere junge Leute lebendiger machen. Und Kathrin Züchner aus Dietlas meint: "Je mehr wir recherchieren, umso interessanter wird das ganze Thema."
Auf die Ergebnisse der jungen Leute darf man jedenfalls gespannt sein. Ihr Engagement lässt einiges hoffen.



Der Boden, auf dem wir stehen

von Christoph Witzel
Häufig im Leben kommt nur Bewegung in eine Sache, wenn ein Thema "von unten" angepackt wird, weil "von oben" her nichts oder nicht viel passiert. So ist es auch mit dem Projekt "Das Leben vor 1989 beiderseits der Grenze", bei dem sich die Volkshochschulen des Wartburgkreises und des Landkreises Fulda verdienstvollerweise zusammengetan haben. Die beiden unionsregierten Bundesländer Thüringen und Hessen haben sich bislang - freundlich ausgedrückt - eher in Zurückhaltung geübt, was gemeinsame schulische Projekte betrifft, die sich mit deutscher Teilung und Wiedervereinigung beschäftigen. Dabei liegt das Thema gerade hier und gerade heute doch quasi auf der Straße und sollte von jungen Leuten, für die die deutsch-deutsche Grenze nicht mehr eigene Erinnerung, sondern wirklich schon Geschichte ist, dringend aufgegriffen werden. Die beiden Volkshochschulen haben die Sache nun mit viel Energie in die Hand genommen, und es ist höchst spannend zu beobachten, in welche Richtung sich das Projekt entwickeln wird. Lohnenswert ist es allemal. Denn der deutsche Theologe Hans von Keler hat ja Recht: "Geschichte ist nicht nur Geschehenes, sondern Geschichtetes - also der Boden, auf dem wir stehen und bauen."
- Warum sind Sie hier? Was beeindruckt Sie am meisten? Woher kommen Sie? Wie haben Sie die deutsch-deutsche Grenze damals erlebt? So in etwa lauten die Fragen, auf die die Jugendlichen höchst unterschiedlich, zumeist sehr interessante Antworten erhalten. Sie sind ein guter Einstieg in ein groß angelegtes Projekt - und auch, wenn man nachher feststellen muss, dass die Interviews zwar im Bild festgehalten worden sind, aber aus unerfindlichen Gründen der Ton fehlt, ist das ärgerlich, aber nicht tragisch. Die Jungen und Mädchen haben zumindest Routine gewonnen und werden einfach noch einmal Besucher des Grenzmuseums befragen."Das Leben vor 1989 beiderseits der Grenze" - so lautet der Titel dieses Projekts, das die Volkshochschulen des Wartburgkreises und des Landkreises Fulda führen, und das unter anderem durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziell gefördert wird. Jugendliche aus Thüringen und aus Hessen erkunden dabei ein Jahr lang außerhalb des Unterrichts, wie es denn war, das Leben an dieser Grenze, die Deutschland vier Jahrzehnte lang trennte, bis sie mutige DDR-Bürger im Herbst 1989 mit friedlichem Widerstand einrissen.Die Schülerinnen und Schüler besuchen die zehnte und elfte Klasse des Johann-Gottfried-Seume-Gymnasiums Vacha. Zwölf von Ihnen stammen aus Thüringen, drei aus dem hessischen Philippsthal. Aus Schulen aus dem Landkreis Fulda war bis zu diesem Vormittag auf Point Alpha kein Schüler dazu zu bewegen, an dem in Deutschland einzigartigen Projekt teilzunehmen. "Es kommt wohl darauf an, welche Rolle das Thema in der eigenen Familie spielt", glaubt Josephine Mühln aus Stadtlengsfeld, "wahrscheinlich ist das Interesse bei Menschen in der ehemaligen DDR größer." Vielleicht ist das wirklich so. Und ein ganz praktischer Grund kommt auch noch dazu: Die Thüringer Schüler können die Ergebnisse des Projekts voraussichtlich für Jahres-Facharbeiten nutzen, die Hessen weniger...Trotzdem: Sind die "Wessis" ignorant diesem wichtigen Kapitel der jüngsten deutschen Geschichte gegenüber? Ein paar Tage später kommt Entwarnung: Ellen Kringstad vom Grenzmuseum Point Alpha, die das Projekt tatkräftig begleitet, erzählt, dass mindestens fünf Jugendliche des Hünfelder Wigbertgymnasiums ab sofort mitmachen wollen. Na also.In einer ganzen Reihe von Wochenendseminaren, an denen auch Eberhard Zickler von der Volkshochschule des Wartburgkreises und sein Kollege Berthold Schwalbach vom Landkreis Fulda teilnehmen, nähern sich die Schüler der umfangreichen Problematik. Und sie sind mit großem Engagement dabei. "Wir saßen letzte Nacht bis ein Uhr zusammen", erzählt Beate Dittmar, die neben Rainer Rothe aus dem Kollegium des Vachaer Gymnasiums die Schüler begleitet, "und wir haben eigentlich nur zum Thema gesprochen."Zunächst standen eine Projekteinführung und Interviewtechniken auf dem Programm. Die Jugendlichen haben Material gesammelt und sind auf der Suche nach Gesprächspartnern. Sie gehen dabei systematisch vor, daneben aber auch spontan auf gut Glück. in Wiesenfeld treffen sie auf die Familie Hohmann, die am 3. Oktober 1961 ganz kurzfristig ihren Hof räumen musste, den dann der in der DDR zum Volkshelden stilisierte Grenztruppen-Offizier Rudi Arnstadt bezog. Erst 1995 konnten die Hohmanns zurückkehren - und jetzt stehen sie den Schülerinnen und Schülern des VHS-Projektes zur Verfügung. Auch mit dem Erfurter Caritas-Direktor und Domkapitular Bruno Heller, der aus dem später geschleiften Seeleshof in der Rhön stammt, will die Gruppe einen Termin machen. Die Erfurter Dependance der Birthler-Behörde hat sich schon zur Zusammenarbeit bereit erklärt, weitere Schwerpunkte sollen sich aus der Arbeit heraus ergeben.Geplant sind auch ein Theaterprojekt, bei dem die Theaterpädagogen Friederike und Oliver Nedelmann die Schülerinnen und Schüler unterstützen werden. Und Andreas Mihm vom Medienzentrum Hünfeld hat im Internet bereits die Seite www.grenzspuren.de registriert, auf der die Arbeitsergebnisse fortlaufend präsentiert werden. Ein Höhepunkt des Projekts dürfte eine viertägige Berlin-Reise im Oktober kommenden Jahres sein, während der unter anderem der Reichstag und ehemalige Stasi-Objekte besucht werden sollen.Was motiviert die Jugendlichen zu einem doch nicht unerheblichen Arbeitsaufwand in ihrer Freizeit? Juliane Fischer aus Geismar sagt: "Wir leben ja hier unmittelbar an der ehemaligen Grenze. Und was uns unsere Großeltern und Verwandten erzählen darüber, das hat und neugierig gemacht. Wir wollen mehr darüber erfahren." Sarah Hoßfeld aus Stadtlengsfeld möchte - vor allem auch durch das Theaterprojekt - die Geschichte auch für andere junge Leute lebendiger machen. Und Kathrin Züchner aus Dietlas meint: "Je mehr wir recherchieren, umso interessanter wird das ganze Thema."Auf die Ergebnisse der jungen Leute darf man jedenfalls gespannt sein. Ihr Engagement lässt einiges hoffen.Häufig im Leben kommt nur Bewegung in eine Sache, wenn ein Thema "von unten" angepackt wird, weil "von oben" her nichts oder nicht viel passiert. So ist es auch mit dem Projekt "Das Leben vor 1989 beiderseits der Grenze", bei dem sich die Volkshochschulen des Wartburgkreises und des Landkreises Fulda verdienstvollerweise zusammengetan haben. Die beiden unionsregierten Bundesländer Thüringen und Hessen haben sich bislang - freundlich ausgedrückt - eher in Zurückhaltung geübt, was gemeinsame schulische Projekte betrifft, die sich mit deutscher Teilung und Wiedervereinigung beschäftigen. Dabei liegt das Thema gerade hier und gerade heute doch quasi auf der Straße und sollte von jungen Leuten, für die die deutsch-deutsche Grenze nicht mehr eigene Erinnerung, sondern wirklich schon Geschichte ist, dringend aufgegriffen werden. Die beiden Volkshochschulen haben die Sache nun mit viel Energie in die Hand genommen, und es ist höchst spannend zu beobachten, in welche Richtung sich das Projekt entwickeln wird. Lohnenswert ist es allemal. Denn der deutsche Theologe Hans von Keler hat ja Recht: "Geschichte ist nicht nur Geschehenes, sondern Geschichtetes - also der Boden, auf dem wir stehen und bauen."
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